Klassik Schweiz - Suisse classique - Swiss classic

 

 

 

Konzerte in Biel und Region

News aus der Region

Biel - Musiktheater

 

 

Archiv 2008

 

Archiv 2009

 

29. November 2009     Lobpreis in der Adventszeit (Konzert des da capo Chores)

25. November 2009     Händel: Schön, berühmt und reich (3. Sinfoniekonzert SOB)

15. November 2009     Ein grosses Oratorium der Romantik ("Elias" von Mendelssohn)

14. November 2009     Musik aus dem Geist der Worte (Kantaten von Bach)

  8. November 2009     Tastenkunst, und viel mehr (Rezital Alexei Volodin)

  1. November 2009     Fortschrittlich oder konservativ ? (Kammermusik-Matinee 1)

28. Oktober 2009        Programm voller innerer Bezüge (2. Sinfoniekonzert SOB)

18. Oktober 2009        Dänisches Duo im Logensaal

29. September 2009    Beifallsstürme für den Solisten (Jubiläumskonzert des SOB)

20. September 2009    Junger Pianist auf neuem Flügel (Neuer Konzertflügel im Logensaal)

16. September 2009    Anspruchsvolles und Witziges (1. Sinfoniekonzert 2009/10)

26. August 2009          Gelungene Dirigentenprüfung (2. Sommerkonzert 2009)

20. August 2009          Exotische Klänge im Stadtpark (1. Sommerkonzert 2009)

19. Juli 2009                Unterschiedliche Reife und Können (Sommerakademie 2009)

13. Mai 2009              Grundstein für eigenständiges Musikleben  (9. Sinfoniekonzert SOB)

4. Mai 2009                Vielfältige und unterschiedliche Ansätze (l'art pour l'Aar 2009)

26. April 2009             Junger Pianist in Frühwerken grosser Meister (Gabriel Arnold im Farelsaal)

22. April 2009             Populäre Klassik, vital gespielt (8. Sinfoniekonzert SOB)

12. April 2009             Meditative Cello-Suiten (Osterkonzert in der Zwinglikirche Bözingen)

18. März 2009             Uneingeschränkt erfreuliches Wechselspiel  (7. Sinfoniekonzert SOB)

 1. März 2009              Musik aus der Gefangenschaft   (Quatuor pour la fin du temps)

23. Februar 2009         Ein beeindruckender Klavierzyklus ("Klaviermusiken" von Alfred Schweizer)

18. Februar 2009         Novität und Rarität im Sinfoniekonzert (6. Sinfoniekonzert SOB)

15. Februar 2009         Vokale und instrumentale Matinee (Aria-Quartett mit Ursula Füri-Bernhard)

13. Februar 2009         Leicht modernisierter Barock (Premiere "Amadis" von J.B. Lully)

  1. Februar 2009         Herausforderung für Interpretin und Zuhörer (Rachel Kolly d'Alba spielt Ysaÿe)

25. Januar 2009           Mehr Gegensätzliches als Verbindendes (3. Kammermusikkonzert SOB)

21. Januar 2009           Klare Prägnanz, liebliche Eleganz (5. Sinfoniekonzert SOB)

11. Januar 2009           Spielformen des Tasteninstruments (der Pianist Michelangelo Carbonara)

4. Januar 2009             Leichte Muse, mit Sorgfalt gespielt (Neujahrskonzert SOB)

 

 

 

 

Lobpreis in der Adventszeit

 

Alljährlich zur Adventszeit tritt der „da capo“-Chor auf, ein Chor des Kollegiums Seeland Gymnasium, diesmal

verstärkt durch Musikschüler und den Bieler Kammerchor.

 

Daniel Andres

 

 

Amtierende und ehemalige Lehrer des Gymnasiums singen unter der Leitung von Alfred Schilt, selber Musiklehrer am See-land Gymnasium. Dieses Jahr hatten sie ein „Anthem“ von Georg Friedrich Händel „O praise the Lord with one consent“ ausge-sucht, dazu das recht umfangreiche „Glo-ria“ von Antonio Vivaldi und einen Ad-vents-Choral „Nun komm, der Heiden Hei-land“ von Johann Sebastian Bach.

Musikschülerinnen und –schüler des See-land Gymnasiums trugen mit jugendlichen Stimmen zu einem frischen Klang bei. Im Gloria von Vivaldi gesellte sich noch der Kammerchor mit seinen mindestens teil-weise ausgebildeten Stimmen hinzu. Den Orchesterpart spielte das Ensemble „Al-legria musicale“, das auf historischen Instrumenten spielt und damit auch mit Gewähr für eine stilistisch einwandfreie Darbietung bot.

 

Geistlicher Hymnus

 

Händels Werk ist ein „Anthem“, ein ty-pisch anglikanischer geistlicher Hymnus. Eine Lobpreisung für Chor, der strophen-

weise mit Solonummern alterniert. Bereits in diesem Werk konnten die Zuhörer, wel-che die Bieler Stadtkirche erfreulich gut füllten, eine solid vorbereitete und frische Darbietung geniessen. Der Chor meisterte sowohl die Polyphonie wie auch die Kolo-raturen mit schlanken Stimmen und be-merkenswerter Leichtigkeit. Alfred Schilt schlug recht bewegte Tempi an denen Chor wie Orchester mit bemerkenswerter Präzision folgten.

Im „Gloria“ komponiert Antonio Vivaldi nach damaligem Brauch anfangs des 18. Jahrhunderts jeden Textsatz zu einem eigenständigen musikalischen Teil, auch hier abwechselnd für Chor und die Solistin-nen. Trotz der Bestimmung für die Liturgie wirkt das Werk dadurch ausgesprochen konzertant. Es ist eine frische, packende, lebendige Musik für Chor und Orchester, die erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts der Vergessenheit entrissen wurde. Gerade dieses Werk erweckte damals durch seine harmonische Kühnheit und seine gross-artigen Gesangslinien auch in den Solo-stimmen Bewunderung für einen damals noch sehr unterschätzten Komponisten.

 

 

Festliche Musik

 

Zusammen mit dem Kammerchor entstand auch hier eine sehr mitreissende und

festliche Wiedergabe. Die Solistinnen Gisela Parrino-Stoll, Sopran, und Gisela Trost, Alt, trugen in den teils lyrischen teils auch fast konzertanten Nummern zum Genuss bei. Obwohl die Sopranistin eine Indisposition angemeldet hatte, gefiel bei beiden der leichte, vibratoarme Klang, der gut zur Musik und zum Aufführungsstil passte. Auch hier war „Allegro
musicale“ mit Andreas Heiniger als Konzertmeister ein hervorragender Partner.

Der Choral „Nun komm, der Heiden Hei-land“ erklang in zwei Strophen vom Chor gesungen als vierstimmiger Satz und da-zwischen als Bearbeitung des auch durch Klavierbearbeitungen recht bekannten Orgelchorals diesmal für Oboe, zwei Brat-schen und Generalbass. Ein Konzert, wel-ches vom Publikum mit grossem Wohlge-fallen aufgenommen wurde und das kom-menden Sonntag in der Bieler Stadtkirche wiederholt wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Händel: Schön, berühmt und reich

 

Als Gastensemble trat am 3. Sinfoniekonzert des SOB das „cantus firmus consort“ auf und erfreute das

Publikum mit sinnlicher Musik von Georg Friedrich Händel.

 

Daniel Andres

 

Das Konzert war ein Tribut an das 250. To-desjahr des Komponisten aus Sachsen, der in London berühmt und reich wurde. Lange stand er in der Verehrung und Hochach-tung hinter dem grossen Zeitgenossen Bach. Obschon er im Gegensatz zu Bach auch nach dem Tode viel aufgeführt wurde und seine Oratorien richtig populär waren, schätzte man seine Musik etwas geringer ein. Spätestens seit der Renaissance der Händel-Opern in den letzten Jahrzehnten wurde das grossartige Genie dieses Musi-kers wieder entdeckt. Im selben Jahr gebo-ren, der eine in Eisenach, der andere in  Halle, trennten sich die Wege der beiden Sachsen von Beginn an. Der eine blieb mehr oder weniger in der Heimat und durchlief eine unspektakuläre Karriere als Organist, Hofkapellmeister und Kantor, den andern zog es in jungen Jahren nach Italien, von wo er bereits ruhmbedeckt nach Deutschland zurückkehrte um sich schliesslich in London niederzulassen.

 

Sinnliche Musik

 

Bach hinterliess ein arme Witwe, Händel konnte bei seinem Tode seine in Halle ver-bliebenen Angehörigen mit einem beträcht-lichen Vermögen (er war umgerechnet in heutige Verhältnisse Multi-Millionär) be-

glücken.

Bach wird als strenger Kirchenmusiker und

 Fugenkomponist geschätzt, Händels gros-se Erfolge waren zunächst seine Opern, später die geistlichen Oratorien, mit denen er ebenfalls erhebliche Summen verdiente.

Und schliesslich war Händel als junger Mann offenbar eine äusserst attraktive Er-scheinung, was zu seinen Erfolgen bei Frauen und reichen Adeligen beitrug. Wie er als Mensch ein Geniesser war, so ist seine Musik sinnlich, man könnte sagen erotisch.

Und das war am Konzert des „cantus fir-mus consort“ auch zu hören. Im Mittel-punkt stand die dramatische Kantate „La terra e liberata“ der wiederum die unglück-liche Beziehung zwischen Apollo und Daf-ne als Stoff zugrunde liegt. Das Einzige was an diesem Abend bedauert wurde, war, dass man dem italienischen Text man-gels Vorlage zu wenig folgen konnte. Doch musikalisch erstand die Geschichte des Liebeswerbens von Apollo und seiner Ab-weisung durch Dafne in der ganzen Farbig-keit und Sinnlichkeit.

 

Reines Vergnügen

 

Betörend der leichte, geschmeidige und ausdrucksvolle Sopran von Andrea Brown in den verführerischen Gesangslinien. Zwei bis drei etwas schrille Töne passten sogar ganz gut in den szenisch-dramatischen Ab-lauf. Ebenso leicht und beweglich hinge-

worfen die Einsätze des auch trefflich de-klamierenden  Bassisten Dominik Wörner, der auch die dramatischen Partien plastisch und kraftvoll zu gestalten wusste.

In den Begleitungen der Arien glänzte das Instrumental-Ensemble auf Instrumenten der Epoche durch Präzision, Leichtfüssig-keit oder auch kräftigen Zugriff. Wunderschöne Farben steuerten die Blä-sersolistinnen in den Flöten- und Oboen-partien bei. Die erste Violinistin – alle Mu-sikerinnen im Programmheft namenlos – brillierte auch in den virtuosen Geigenpas-sagen, und die mit Laute und Theorbe, Cello und Bass sowie Cembalo im Stil der Zeit farbig besetzte Continuo-Gruppe spiel-te sowohl genau wie auch fantasievoll.

Die beiden Teile der Kantate wurden durch Suitensätze, die wiederum vor allem aus dramatischen Werken stammten, eingelei-tet und umrahmt. Auch in diesen rein in-strumentalen Beiträgen war es ein reines Vergnügen, der Musik unter der tempera-mentvollen und anfeuernden und gleich-zeitig sehr stilsicheren Leitung durch An-dreas Reize zuzuhören. Einmal mehr hat sich auf sehr schöne Art gezeigt, wie le-bendig, ausdrucksvoll, ja aktuell die Musik des Barock sein kann, wenn sie in der Far-bigkeit der Epoche, mit geballter Musika-lität und dem Spass auch am improvisie-renden Gestalten aufgeführt wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ein grosses Oratorium aus der Romantik

 

Der „Elias“ von Felix Mendelssohn ist wohl das gewichtigste Oratorium des 19. Jahrhunderts. Es wurde am

Sonntag von einer grossen Chorgemeinschaft im Bieler Kongresshaus aufgeführt.

 

Daniel Andres

 

Felix Mendelssohn, dessen 200. Geburts-jahr zahlreiche Aufführungen seiner Werke initiiert hat, knüpfte in seinen  Oratorien vor allem an Georg Friedrich Händel an, dessen 250. Todesjahr in diesem Jahr eben-falls begangen wurde. Und da in England auch nach dem Tode Händels die Orato-rientradition nahtlos weitergeführt wurde, erstaunt es nicht, dass der „Elias“ bei der Uraufführung in Birmingham im Jahre 1846 auf Begeisterung stiess.

Text und Musik haben eigentlich alles, was einen Erfolg in der bürgerlichen Singtra-dition bis auf den heutigen Tag gewähr-leistet. Wie am Sonntag im Bieler Kon-gresshaus eignet sich das Werk für eine grosse Chorgemeinschaft, hier der Chor Ipsach und den Chor des CSS (Christlicher Sängerbund Schweiz) Kreis Jura-Seeland-Solothurn, wobei um die hundert oder mehr Sängerinnen und Sänger zusammen kamen. Auch die Händel-Oratorien vereinigten in England immer grosse Chormassen und grosse Orchesterformationen, ganz im Ge-gensatz zu den Passionen und Kantaten Bachs, an deren Wiedererweckung Men-delssohn massgeblich beteiligt war, die aber heute wiederum – den Gegebenheiten im damaligen Leipzig entsprechend - mit

kleinen Chören oder gar solistisch aufge-führt werden.

 

Vielfältige Wirkungen

 

Mendelssohn hat die Chorsätze weitge-

hend darauf ausgerichtet, und daraus er-gibt sich auch eine teilweise plakative Wir-kung. Keine grossen Chorfugen, die schwer verständlich sind und im 19. Jahr-hundert auch starr und etwas verstaubt ge-wirkt hätten. Trotzdem gibt es eine grosse Vielfalt an eindrücklichen Wirkungen, vom dramatischen bis zum triumphalen Chor-einsatz, aber auch schlichte Choräle und besinnlich betrachtende Partien.

All diese Anforderungen wurden von den vereinigten Chören unter der Leitung und Einstudierung von Bernhard Scheidegger trefflich erfüllt. Einige etwas kehlige Ein-sätze der Herrenstimmen erinnerten daran, dass man es mit Laienchören zu tun hatte, aber andererseits gab es mehrheitlich sehr schöne Klangwirkungen, eine beträchtliche Präzision, eine differenzierte Dynamik, gut gewählte Tempi und ein hörbares Bemühen um Textverständlichkeit und Stimmfor-mung. Und man sah und spürte auch das innere Engagement der Singenden, die sich sicher zu einem guten Teil auch mit dem Gesungenen identifizieren mochten.

 

Dramatik und Verinnerlichung

 

Besondere Perlen in der Komposition sind

die Sätze für eine kleine Chorformation, die wie Inseln auftreten und die, von geübte-

ren Choristen vorgetragen, auch ihre ganz besondere Wirkung ausübten.

Das Solistenquartett war mit Brigitte Geller, Sopran, Barbara Erni, Alt, dem kurzfristig eingesprungenen Tenor Christophe Einhorn und dem Bassbariton Hans-Peter Scheidegger sehr ausgeglichen besetzt. Brigitte Geller erfreute mit leichten, lyri-schen und doch sehr ausdrucksvollen Partien. Barbara Erni konnte die eher dunklen Seiten der Königin ebenso gut ausfüllen wie die tröstlichen Seiten in der Engelspartie. Christophe Einhorn war den betrachtenden Teilen mit seinem leuchten-den Tenor ein guter Anwalt und Hans-Peter Scheidegger bewältigte sowohl die dramatischen wie die verinnerlichten Seiten des Elias gleichermassen wirkungsvoll.

Mendelssohn setzt in diesem Oratorium auch das relativ gross besetzte Orchester sehr farbig ein, und so erzielte das Sinfo-nieorchester Biel in zuverlässiger Manier auch sehr schöne Klangwirkungen sowohl in den Streichern wie auch in solistischen Einsätzen der Holzbläser oder in den Fan-faren oder Chorälen der Blechbläser.

Im wohl ziemlich restlos ausverkauften grossen Saal des Kongresshauses übte das dreistündige Chorkonzert einen nach-haltigen  Eindruck auf das Publikum aus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Musik aus dem Geist der Worte

 

Kantaten von Johann Sebastian Bach als Mini-Dramen, so erklangen drei Werke des Leipziger Thomaskantors

am Samstagabend in der Pasquartkirche.

 

Daniel Andres

 

Dass die Vokalmusik Bachs ganz aus dem Text heraus gestaltet ist, kennt man spä-testens seit Albert Schweizers grosser Bach-Monografie. Dass sie auch opernhaft sei, war schon zu Lebzeiten des grossen Kirchenmusikers ein Vorwurf. Die Kanta-ten, die Bach für jeden Sonntag des Kir-chenjahrs in Leipzig schrieb, waren damals insofern modern, als sie den spätbarocken Instrumentalstil auch auf die Singstimmen übertrugen und dabei die Affekte und Stimmungen aus dem Text in Musik über-trugen.

 

Auf Dramatik angelegt

 

Maurice Baumann betonte diesen Aspekt in seiner mit Musikbeispielen unterlegten Einführung zu der Kantate BWV 70 „Wa-chet! Betet! Betet! Wachet!“, die zum Ende des Kirchenjahrs 1723 geschrieben wurde. Das Ende des Kirchenjahrs wurde auch mit der Endzeit, dem Jüngsten Gericht, in Ver-bindung gebracht und so ist der Text in teils drastischer Weise auf Busse der „ver-stockten Sünder“, im zweiten Teil aber auch auf das Versprechen der Vergebung und Erlösung ausgerichtet. Musikalisch zu

 

Beginn mit dem Schall der Trompete, die zum Jüngsten Gericht ruft oder dem orchestralen Aufruhr im Rezitativ auf die Worte „des Höllenrachens offne Pforte in meinem Sinn viel Zweifel, Furcht und Schrecken … erwecken“. Wonach sich die Wogen glätten und der „Freudenschein, ein Licht des Trostes“ durchbricht.

Die ganze Aufführung des Jubilate-Chors unter Thomas Mattmüller war auf  diese Dramatik hin angelegt. Die Instrumenta-listen des Ensembles „Die Freitagsakade-mie“ aus Bern, die auf historischen Instru-menten spielten, setzten dieses Konzept auch engagiert um, auch wenn an der Auf-führung vom Samstag (noch) nicht alles ganz ausgefeilt schien.

Auch der Chor fand zu einer insgesamt erfreulichen Wiedergabe, wobei im Ein-gangschor erkennbar war, dass manche Chorsätze Bachs für nicht voll professio-nelle Sänger sehr hohe Anforderungen stellen.

Sehr schön klang die Motette „Der Ge-rechte kommt um“ des Vorgängers Bach in Leipzig, Johann Kuhnau, die noch im „alten Stil“ gehalten ist und die von Bach mit In-strumentalstimmen ergänzt wurde.

Abschliessend wurde eine Kantate für den ersten Advent, den Beginn des neuen Kir chenjahrs, mit dem Werk 62 „Nun komm der Heiden Heiland“ gesungen. Im Advent gab es traditionellerweise keine Pauken und Trompeten in der Kirche. Der Choral, der auf einen lateinischen Hymnus „Veni redemptor gentium“ zurückgeht, hat auch etwas Geheimnisvolles. Und doch ist der für den Chor nicht allzu anspruchsvolle Eingangssatz freudig, die erste Arie sogar tänzerisch und die Bass-Arie beinahe kämpferisch vor dem strahlenden Schluss-choral.

In beiden Kantaten standen sehr gute, in der historischen Aufführungspraxis ge-schulte und erfahrene Solistinnen und Solisten zu Diensten. Miriam Aellig mit einem sehr hellen Sopran, Anne Schmid mit einem nicht zu dunklen Alt, Jakob Pilgram mit einem schmelzenden und modulations-fähigen Tenor und Lisandro Abadie mit seinem kernigen und doch beweglichen Bass.

Es waren stilistisch und doch auch emotional gelungene Wiedergaben, die beim nicht allzu zahlreichen Publikum auf dankbare Zustimmung stiessen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tastenkunst, und viel mehr

 

8. NOvember 2009. Ein Klavierrezital, das bei den Zuhörern lange nachklingen wird, bot der Geza Anda-Preisträger

Alexei Volodin auf dem neuen Flügel im Logensaal.

 

Daniel Andres

 

Es müssen mehrere Dinge zusammen kom--men, damit ein Konzert zum nachhallenden Erlebnis wird. Am Sonntag im Logensaal war es sicher zum Einen die Programmwahl des 1977 in Petersburg geborenen Pianis-ten. Er begann mit zwei späten Sonaten von Ludwig van Beethoven, wobei einem wieder einmal so recht bewusst wurde, wel-che unirdischen, ja kosmischen – oder wol-len wir sagen jenseitigen – Bereiche hier beschritten werden. Die Sonate in E-Dur Opus 109 beginnt mit einem Sonaten-satz, der eigentlich keiner ist.

 

Knappe Einfälle

 

Da werden knappe Einfälle in schroffem Gegensatz einander gegenüber gestellt oder aneinander gereiht, scheinbar ohne logischen Zusammenhang und doch stim-mig. In wenigen Minuten steht ein ganzer Kosmos da. Beethoven hat da alles an klassischem Formschema hinter sich ge-lassen, beiseite geschoben und schafft eine völlig eigene Welt. Nach einem eben so kurzen Scherzo eröffnet ein Variatio-nensatz ganze Welten, es braucht eine harmonische Wendung und der Hörer ist in einer anderen Sphäre.

Dasselbe in der folgenden Sonate in As-Dur Opus 110, die sich zwar oberflächlich mehr an den Formenkanon hält, aber damit

völlig frei umgeht. So bilden langsamer Satz – eine Aria - und Finale verknüpft mit einem Rezitativ ein völlig freies Gebilde, wobei das Finale als strenge Fuge beginnt, zu der Aria zurückkehrt, die Fuge mit um-gekehrtem Thema wieder aufnimmt und in einer freien Steigerung endet.

 

Von den letzten Dingen

 

Alexei Volodin bewegt sich in diesen Wel-ten mit einer staunenswerten Souveränität und das ist mindestens der zweite Punkt, der das Konzert zum Erlebnis machte. Der Pianist hat eine natürliche Beziehung zur Welt des späten Beethoven, in seinem letzten Rezital hat er die „Hammerklavier“-Sonate Opus 106 – ein Riesenwerk – ge-spielt und auf CD hat er die letzte Sonate in c-moll Opus 111 mit völlig entrückten Va-riationen festgehalten. Bei dem doch noch jungen Pianisten gehen technische Über-legenheit, Anschlagskunst, Gestaltungs-vermögen und geistig-seelische Durchdrin-gung des Notentextes eine Symbiose ein, welche dem Zuhörer eben erlaubt, auch in diese letztlich vielleicht unverständliche Welt vorzudringen, die eine Ahnung von Dingen erlaubt, die nur der schöpferische Mensch ansatzweise spüren kann.

 

 

 

Neue Welten

 

Im zweiten Teil des Konzerts ging es ein bisschen irdischer zu. Aber auch Frédéric Chopins 24 Préludes sind ein eigener Kos-mos. Die oft nur wenige Sekunden dauern-den, dann wieder den Habitus einer Kon-zertetüde annehmenden Stücke haben mit-einander und untereinander nichts zu tun. Jedes ist völlig anders, ausser dass sie im Quintenzirkel alle zwölf Durtonarten mit ihren zwölf parallelen Molltonarten durch-laufen. Alexei Volodin gelang es, jedes ein-zelne Stück zu einem in sich stimmigen Kunstwerk zu gestalten, verblüffte dabei mit einer Anschlagskunst, die wie schon bei Beethoven Härten nicht scheute und auch die zartesten Gebilde hinzauberte. Und am Schluss hatte man doch das Ge-fühl einen grossen Bogen durchschritten zu haben. Und manchmal, auch in den zwei Zugaben von Chopin, setzte er mit dem Pedal den Klang bewusst so ein, dass statt Noten Klangwolken entstanden. Auch ein Zeichen, wie Chopin zu seiner Zeit wie vor ihm Beethoven aus dem Klang des Kla-viers neue bahnbrechende Welten schuf. Ein schlichtes Stück aus den „Jahres-zeiten“ von Tschaikowsky beschloss das im vollen Logensaal mit Begeisterung aufgenommene Konzert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Fortschrittlich oder konservativ ?

1. November 2009. Johannes Brahms, der „fortschrittliche Konservative“, steht im Mittelpunkt der diesjährigen

Kammermusikreihe des Sinfonieorchesters Biel. Das erste Konzert brachte am Sonntag auch Werke von Hermann

Goetz und Richard Wagner.

 

Daniel Andres

 

 

Hermann Goetz war zweifellos eine grosse Begabung, aber kein Wunderkind. So reichten ihm die 36 Jahre seines kurzen Lebens nicht, um sich als Komponist einen Ruf unter den Grossen zu verschaffen. Immerhin hinterliess er neben Kammer-musik auch eine beachtliche Sinfonie, zwei Klavierkonzerte und ein Violinkonzert, alles Werke die es verdienten, auch heute noch ab und zu aufgeführt zu werden. Vor allem die Kammermusik von Goetz wurde in den letzten Jahrzehnten wieder entdeckt und gepflegt. Das Presto für Streichquartett, ein kleines Werk aus der Studienzeit des Zwanzigjährigen, zeigt neben der Begab-ung und einer gewissen Originalität das Bestreben nach einer soliden Komposi-tionstechnik auch gerade in der Beherr-schung des Kontrapunkts. Anne Fatout, Dominique Hongler, Violinen, Rolf-Dieter Gangl, Bratsche, und Matthias Walpen, Violoncello, spielten das aus einem Frag-ment rekonstruierte Stück als Uraufführung akkurat.

 

Lichter Klang

 

Johannes Brahms im Mittelpunkt mit dem zweiten Streichsextett in G-Dur, opus 36, das mit seinem Schwesterwerk, dem fünf

 

Jahre vorher entstandenen Sextett in B-Dur, einen ersten oder vielleicht den Hö-hepunkt der Gattung darstellt. Höchstens Dvorak, Tschaikowsky und Max Reger schrieben noch Sextette, die sich verglei-chen lassen. Als zweiter Bratschist gesellte sich Frédéric Carrière und als zweite Cel-listin Brigitte Fatton zu den Vorhergehen-den. Die drei Musikerinnen und drei Mu-siker gingen das Werk mit eher leichtem Ton an, was dem Charakter des viersät-zigen Stücks auch eher entspricht als eine hochexpressive, mit schwerem Bogen gestaltete Interpretation. In dem lichten Klang gelangen auch die schönen Mo-mente, während in den etwas kräftiger angegangenen Teilen, etwa im Mittelteil des langsamen Satzes oder im zweiten Trio des Scherzos kleine Intonationsschwächen oder gepresste Töne bei den Geigen nicht ausblieben. Insgesamt jedoch eine schöne, dem Charakter des Werks sehr entsprech-ende Wiedergabe.

 

Betörende Schönheit

 

Richard Wagner gehörte nicht grad zum Freundeskreis von Brahms. Im Gegenteil, er lästerte über die Konservativen Brahms-ianer, wogegen Brahms den Streit viel

 

gelassener nahm. Er war ja nicht bloss der langweilige Konservative, wie ihn seine damaligen Gegner einstuften, sondern er hat auch gerade durch den Einbezug älterer Techniken aus Renaissance und Barock viel zur Entwicklung der Musik in Richtung der Moderne beigetragen. Aber Vorurteile bleiben durch ständiges Abschreiben und Wiederholen derselben Unwahrheiten oft Jahrhunderte bestehen. Unbekümmert um diese bis heute nachwirkenden Ausein-andersetzungen und Dümmlichkeiten spielten dreizehn Spieler des Sinfonie-orchesters unter Thomas Rösners Leitung das „Siegfried-Idyll“ von Wagner, eine der wenigen reinen Instrumentalkompositionen ausserhalb der Opern, mit einer betörenden Schönheit. In der kleinen Besetzung mit solistischen Streichern klang diese Musik nicht bloss durchsichtig und in ihrem kunstvollen Liniengeflecht, sondern auch in einem sublimen Klang. Dazu trugen die hervorragenden Holzbläser und auch die makellos blasenden Hörner entscheidend bei, und Thomas Rösner sorgte seinerseits für einen hervorragenden Klangausgleich und für feine dynamische Schattierungen. Schöner kann dieses Stück kaum klingen.

Die recht zahlreiche Zuhörerschaft konnte mit den Darbietungen dieser Matinee hoch zufrieden sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ein Programm voller innerer Bezüge

 

Das zweite Sinfoniekonzert im Kongresshaus stellte am Mittwoch neben der vierten Sinfonie von Schumann auch

weniger bekannte Werke der deutschen Romantik in den Mittelpunkt.

 

Daniel Andres

 

So von Richard Wagner und Franz Liszt, wie Anführern der neudeutschen Schule in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. So ist die „Faust“-Ouvertüre von Richard Wagner schon beinahe eine Sinfonische Dichtung im Sinne Liszts. Ein interessantes Orchesterwerk, das dazu noch ein Haupt-motiv der neunten Sinfonie von Anton Bruckner fast wörtlich vorwegnimmt.

 

Hang zum Makabren

 

Die beiden Klavierwerke von Franz Liszt bildeten den eigentlichen Höhepunkt des Abends, vor allem wegen der kongenialen Interpretation durch den jungen Russen Sergey Koudriakov. Es sind auch Stücke etwas abseits des Repertoires, aber doch viel mehr als „leeres Virtuosengeklingel“ wie die Klaviermusik von Liszt früher auch abgetan wurde. Der Klaviersatz sowohl in den „Malédictions“ wie im „Totentanz“ ist vielmehr interessant und kunstvoll gehal-ten, aber auch wirkungsvoll in den eher dunklen Farben. Die Romantik nach Berlioz hatte einen Hang zum Skurrilen aber

 

auch zum Makabren, was Liszt in beiden Stücken durchaus auslebt. Sergey Koud-riakov bewies nicht bloss grossartige Technik, er holte auch satte und vielfältige Farben aus dem Flügel heraus und konnte mit freier Überlegenheit gestalten. In bei-den Werken wurde er mal vom Streich-orchester, mal vom vollen Orchester unter Thomas Rösners Leitung auch wirkungs-voll unterstützt.

 

Schumann als Neuerer

 

Die Ouvertüre zu „Iphigenie in Aulis“ von Christoph Willibald Gluck in der Bear-beitung von Richard Wagner bildete einen Bestandteil des an sich geschickt gestal-teten Programm mit inneren Bezugspunk-ten, trug aber dazu bei, dass sich der Abend etwas in die Länge zog.

Zum Abschluss erklang ein Herzstück der romantischen Sinfonik, die vierte Sinfonie in d-moll von Robert Schumann. Nicht nur mit diesem Werk bewies Schumann, dass er zu den Neuerern in der Musikentwick-lung des 19. Jahrhunderts gehörte. Er war

 

 

einer der ersten, welcher Themen und Mo-tive durch alle vier Sätze einer Sinfonie durchzog und so aus vier abgegrenzten Sätzen eine organische Einheit zu bilden versuchte. Dies unterstrich er nochindem er die Sätze mit kurzen Überleitungen untereinander verband. Eine Technik, die man zwar schon in Schuberts „Wanderer-Fantasie“ angelegt findet, die Schumann weiterführte und die auch Liszt und andere weiter entwickelten.

Die Wiedergabe durch Thomas Rösner und das Sinfonieorchester war solide. Man spürte das Bemühen um einen klanglichen Ausgleich, was bei der Schumann’schen Orchestrierung nicht immer ganz leicht ist. Zur  Ehrenrettung muss man anfügen, dass Schumann einen ganz eigenen Orchester-klang hat, der eigentlich auch gerade bei einer kleineren Streicherbesetzung wie in Biel zum Tragen kommt. Die letzte Kohä-renz wurde aber nicht immer erreicht, und so wirkte die Sinfonie am Schluss des et-was überlangen Programms nicht als Hö-hepunkt des Abends. Der war schon vor der Pause überschritten worden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dänisches Duo im Logensaal

 

Nordische Musik erklang am Sonntag im Saal der Loge mit der Geigerin Christina Astrand und dem Pianisten Per Salo.

 

Daniel Andres

 

 

Die skandinavische Musik ist dem grossen Publikum immer noch recht unbekannt. Wohl kennt man Grieg und Sibelius, aber Namen wie Gade, Svendsen, Nielsen und etliche andere sind hierzulande kaum ge-läufig, geschweige dass man ihre Werke kennt.

Diese Lücke füllte wenigstens ein bisschen das Violine-Klavier-Duo Christina Astrand und Per Salo mit Sonaten von Gade, Niel-sen, Grieg und einem Werk des schweiz-erisch-amerikanischen Komponisten Ernest Bloch. Niels Wilhelm Gade war Däne und studierte in Leipzig wie später auch Edvard Grieg, denn Leipzig war Mitte des 19. Jahr-hunderts unter Felix Mendelssohn und mit Robert Schumann zur führenden Musik-stadt Deutschlands geworden. Diese „Leipziger Schule“ hat denn auch die skan-dinavische Schule stark beeinflusst, wobei Grieg einer der ersten war, welcher nor-wegische Folklore in seine Musik einbaute und damit einen nationalen Stil schuf.

 

Romantik und Folklore

 

Von Gade erklang die 2. Violinsonate in d-moll, die wohl noch in Leipzig, kurz vor der Rück-kehr Gades nach Kopenhagen ent-stand. Die Violine entwickelt eher melodi-sches Material, während das Klavier doch den Hauptpart inne hat. Die 1. Sonate in F-

 

Dur von Edvard Grieg weist ebenfalls eher deutsch-romantische Züge auf, volkslied-haftes ist am ehesten im mittleren Allegret-to auszumachen. Dagegen ist die 2. Sonate in g-moll des Dänen Carl Nielsen, entstan-den 1912, sowohl nordisch wie auch durch die damalige Moderne beeinflusst und zeigt einen Komponisten der die traditio-nelle Form der Sonate sehr eigenwillig und knapp umsetzt, während der junge Grieg noch etwas umständlich und beflissen die gegebenen Formen ausfüllt.

 

Christina Astrand und Per Salo

 

Sehr frei geht auch Ernest Bloch mit der Form um in seiner 2. Sonate mit dem Titel „Poême mystique“. Der in Genf geborene aber seit 1916 mit Unterbrüchen in den USA lebende und dort 1959 verstorbene

 

Komponist verwendet für sein etwas aus-schweifendes aber wunderschöne Momen-te zelebrierendes Werk eine aus der ro-mantischen Tradition gewachsene und vom Impressionismus beeinflusste Sprache.

 

Authentische Vermittlung

 

Das Duo setzte sich für alle Werke enga-giert ein. Das ständige enge Vibrato der Geigerin und damit ein gelegentlich etwas unstabiler Ton mag Geschmackssache sein, etwas weniger hätte der Sonate von Gade, aber auch dem Werk von Bloch vor allem in den expressiven hohen Lagen auch ohne Einbusse an Ausdrucksstärke besser bekommen.

Der Pianist schien eher nüchtern, zu-packend und zweckdienlich, das heisst ohne eine grosse Anschlags- und Farb-palette. Was nicht so negativ zu bewerten ist wie es auf Anhieb tönt, denn beide Spieler vermochten den Inhalt der in sich recht verschiedenen Werke dem Publikum sehr überzeugend und authentisch zu vermitteln, was von der recht zahlreichen Zuhörerschaft denn auch dankbar aufge-nommen und fast enthusiastisch gefeiert wurde. Eine Zugabe von Carl Nielsen aus dem Frühwerk des Komponisten schloss das Konzert ab.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Beifallsstürme für den Solisten

 

Das Jubiläumskonzert zum vierzigsten Geburtstag des Sinfonieorchesters Biel begeisterte das Publikum im beinahe

vollbesetzten Kongresshaussaal fast restlos.

 

Daniel Andres

 

Einhellig war die Zustimmung zur Interpre-tation des Violinkonzertes in e-moll von Felix Mendelssohn durch den noch jungen fran-zösischen Geiger Renaud Capuçon. Welche Virtuosität, welch herrlicher Geigenton! Der Klang auf der Guarneri del Gesù ist aus-drucksvoll und gleichzeitig von einer unbe-schreiblichen Reinheit. Der Bogen ist leicht, der Ausdruck und das Vibrato gepflegt Der Solopart erhielt die Brillanz, die Gesanglichkeit und die Noblesse auch in den langen Ge-sangslinien des Mittelsatzes. Die Aufführung war ein hoher Genuss, auch dank dem flexiblen und präzisen Mitgehen des Or-chesters. Die Arie der Euridike aus dem „Orpheus“ von Gluck, unbegleitet in unbeschreiblicher Reinheit als Zugabe gespielt, bestätigte die Eindrücke.

 

Zeitgemässe Interpretation

 

Das Orchester gefiel in verschiedenen Spiel-arten. Zunächst in der Uraufführung einer sehr gefälligen Ouvertüre des frühroman-tischen Schweizers Jakob Zeugheer, die an Schubert und Weber erinnert, aber als Werk einen eigenen Wert hat. Eine weitere Ur-aufführung erlebte eine Filmmusik von Hanns Eissler zu „Die Früchte des Zorns“ von John  Steinbeck. Sie evoziert Bilder und Gefühle, aber ob sie als Konzertmusik Bestand hat, bleibe dahingestellt.

Das Konzert schloss mit Beethovens erster Sinfonie. Die Aufführungspraxis mit den sehr raschen (von Beethoven geforderten) Tempi irritiert noch etliche Hörer. Festzustellen war ein vortrefflich transparenter Orchesterklang, ein vorzüglicher Ausgleich unter den Re-gistern ohne knallige Akzente, eine bewun-dernswerte Präzision auch im sehr rasch an-gegangenen Schlusssatz. Eine Wiedergabe,

 

die für Kenner einer zeitgemässen Beethoven-Interpretation äusserst stimmig war.           

 

 

 

„Weil ich es liebe“

(Gespräch mit Renaud Capuçon)

 

Dass für das Jubiläumskonzert der inter-national sehr gefragte Violinist Renaud Capuçon gewonnen werden konnte, ist ein Glücksfall und wohl der bereits länger dauernden Freundschaft zwischen Thomas Rösner und dem Geiger zu verdanken. Nach der Hauptprobe am Vormittag führte das BT mit dem Solisten ein kurzes Gespräch.

 

 

Renaud Capuçon (Foto Daniel Andres)

 

Herr Capuçon, sie treten zum zweiten Mal mit dem Bieler Orchester auf. Vor drei Jahren haben Sie das Konzert von Brahms gespielt. Hat Sie Thomas Rösner wiederum angefragt?

Ich bin schon zum dritten Mal in Biel, einmal war ich da mit dem Gustav Mahler-Jugend-orchester und jetzt zum zweiten Mal mit dem Orchester von Biel. Thomas Rösner und ich

 

kennen uns seit der gemeinsamen Zeit mit dem Gustav Mahler-Jugendorchester. Er war damals Assistent des Chefdirigenten als ich Konzertmeister war.

Wie war dieses Mal der Kontakt mit dem Orchester, sind Sie zufrieden mit der

Zusammenarbeit?

Der Kontakt ist sehr gut, ich finde, das Or-chester hat in den letzten drei Jahren noch grosse Fortschritte gemacht. Es ist sehr an-genehm, mit ihm zu spielen. (Die Mitglieder des Orchesters sagen dasselbe vom Solisten und rühmen seinen schönen und doch leichten Ton.)

Haben Sie das Violinkonzert von Mendels-sohn ausgesucht oder wurde es wegen dem 200.Geburtstag des Komponisten gewählt?

Ich habe das Konzert vorgeschlagen weil ich es sehr liebe. Ich habe es oft gespielt und auch auf CD zusammen mit dem Konzert von Schumann eingespielt, aber noch nie zu-sammen mit Thomas Rösner. Das Konzert von Beethoven habe ich kürzlich eingespielt, zusammen mit dem Konzert von Korngold, die CD wird demnächst herauskommen.

Was fasziniert Sie an diesem Konzert im Vergleich mit andern romantischen Konzerten?

Es ist das beliebteste Konzert beim Publikum weil es die ganze Zeit singt. Es hat die Leich-tigkeit der Musik zum „Sommernachtstraum“ oder des Oktetts, ist brillant und doch sehr ausdrucksvoll.

Welche Beziehung haben Sie zur Musik Mendelssohns, der ja noch oft unterschätzt wird?

Ich liebe ihn, auch seine Kammermusik, zum Beispiel die beiden Klaviertrios. Ich habe sie diesen Sommer in Lugano mit Martha Argerich und meinem Bruder Gautier gespielt und auch aufgenommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Junger Pianist auf neuem Flügel

 

Mit einem Klavier- und Cello-Rezital weihte die Philharmonische Gesellschaft im Saal der Loge ihren neuen

Steinway-Flügel ein.

 

Daniel Andres

 

 

Etliche Stühle mussten zusätzlich hinein ge-tragen werden, um allen Klassikfreunden im übervollen Logensaal einen Sitzplatz zu ge-währen. Marie José Pieri, die Präsidentin der Philharmonischen Gesellschaft, dankte ein-leitend allen Spendern, Sponsoren und auch der öffentlichen Hand, welche den Kauf des neuen Instrumentes ermöglicht hatten. Die für Konzerte geeigneten Säle in der Stadt Biel sind nicht eben mit vorzüglichen Instrumenten gesegnet. Will man hervorragende Pianisten von  internationalem Ruf nach Biel locken, muss man ihnen auch ein gutes Instrument zur Verfügung stellen. Dies ist mit dem Steinway Modell C-227, dem zweitgrössten Instrument neben dem Konzertflügel D-274, nun der Fall, wie die anschliessende Hörprobe aufzeigte.

 

Klangschönheit

 

Der junge, in Genf geborene Pianist Louis Schwitzgebel-Wang mit Schweizer und chi-nesischen Wurzeln, welcher unter anderem bei Brigitte Meyer in Lausanne studiert hat und dort seine Ausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen und inzwischen mehrere an-spruchsvolle Preise gewonnen hat, spielte allein Mozart und Schumann und nach der Pause mit François Guye zusammen die Cello-sonate von Sergej Rachmaninoff.

Was mit Sicherheit festzustellen war, ist die Klangschönheit des neuen Flügels, sonore Bässe, das mittlere Register voll Wärme und ein Diskant mit Brillanz ohne Härte. Was noch zu testen sein wird, ist ein kraftvollerer Um-gang mit diesem Instrument, das sicher bei

kommenden Pianisten noch mehr von seinen farblichen Qualitäten preisgeben wird.

 

Ein Lyriker

 

Louis Schwitzgebel-Wang ist ein Lyriker auf dem Instrument, der auf jegliche Kraftprotzerei verzichtet. Das ist ein sympathischer Zug an

Louis Schwitzgebel-Wang (Foto Daniel Andres)

 

ihm und seinen Interpretationen. In der Sonate B-Dur KV KV 570 legte er den Schwerpunkt auf grosse Linie und ein ebenmässiges Legato.

Die neuere Mozart-Interpretation würde aber eher Gewicht auf sprechende Artikulation legen. Nicht ganz einsichtig war zudem, wieso er die Wiederholung der Exposition im ersten Satz ausliess, sich im zweiten Satz dagegen darauf einliess. In den Sinfonischen Etüden Opus 13 von Robert Schumann legte der 22-jährige Pianist eine sichere Technik und einen gepflegten Anschlag an den Tag und die Interpretation zeugte auch von musikalischer Intelligenz in der Gestaltung.  In etlichen der Variationen, vor allem dem Finale, hätte man doch etwas mehr Auf-trumpfen erwartet.

 

Einfühlungsvermögen

 

Ähnliches kann man von der Cellosonate in g-moll Opus 19 von Sergej Rachmaninoff sagen. Es wurde zwischen dem Cellisten François Guye und dem Pianisten sehr kam-mermusikalisch musiziert und Louis Schwitz-gebel-Wang zeigte viel Einfühlungsvermö-gen, im unteren und mittleren Lautstärke-bereich auch viel Subtilität. Auch hier ent-lockte der Pianist dem Flügel schöne Töne, blieb aber zu verhalten. Aus nicht unbe-gründeter Angst, den Cellisten mit Klangfülle zuzudecken, fehlte es an klanglichen Höhe-punkten im doch sehr wichtigen Klavierpart und damit insgesamt an Profil und Relief. Etwas mehr Mut, aus sich heraus zu gehen, ist dem Pianisten zu wünschen, etwas was er in der Zugabe, der Wiederholung des lang-samen Satzes von Rachmaninoff zustande brachte, wo er befreit aufspielte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Anspruchsvolles und Witziges

 

Mit Mozart, zwei Flügeln und dem „Karneval der Tiere“ eröffnete das Sinfonie Orchester Biel in einem amüsanten

Programm die Konzertsaison.

 

Daniel Andres

 

Etwas erstaunt war man schon über die Auf-stellung der Flügel für das Mozart-Konzert zu Beginn. Statt sich gegenüber zu sitzen und damit auch Augenkontakt zu haben, drehte der Pianist Christoph Keller der Pianistin Hiroko Sakagami und auch dem Dirigenten den Rücken zu. Das mag seine Entscheidung sein, aber zu hören war es schon beim ersten Einsatz, dass Pianist und Orchester nicht exakt zusammen waren. Die Klaviere spielten auch in den Tutti mit, eine Praxis, die zu Mozarts Zeit wohl gang und gäbe war und die mindestens für die frühen Konzerte vertretbar ist.

Das forsche Tempo des ersten Satzes mochte auch durchaus durchgehen, doch war viel-leicht die Sitzanordnung schuld, dass keinerlei agogische Freiheit möglich war und das Tempo beinahe durchgepeitscht wurde. Und wenn wir schon beim Negativen sind, so fielen noch zwei Dinge auf: die etwas zu knalligen Einsätze des Paukisten im Forte, die auf die Länge ermüdend wirkten, obwohl das Spiel auf alten Fellpauken mit Holzschlägeln an sich richtig ist, und dass die Hörner auf modernen Instrumenten spielten während die Trompeten zu den ventillosen Naturinstru-menten griffen, was sich klanglich nicht optimal auswirkte. Aber die beiden Mozart-Werke zu Beginn, das Konzert für zwei Klaviere in Es-Dur, KV 365, und die Sinfonie Nr. 34 in C-Dur, KV 338, hatten auch ihre positiven Seiten. Das Dop-

 

pelkonzert für zwei Klaviere zeigt einen an-spruchsvolleren Charakter als die später zu Beginn des Wiener Aufenthalts verfassten Werke, die eher für die Verleger und begabte Amateure geschrieben sind. Wie die fast gleichzeitig entstandene Sinfonia concertante für Violine und Viola – beide Werke wurden nach der erfolglosen Paris-Reise, die auch den Tod der Mutter mit sich brachte komponiert - hat es sowohl einen festlichen und im Finale einen munteren Ton wie auch im Mittelsatz eine leicht wehmütige Schönheit. Auch die Sinfonie zeigt eine komplexere Verarbeitung als die vorangehenden und hat Züge der späteren Werke, wenn sie auch noch stark auf Reprä-sentation ausgerichtet scheint.

Beide Werke wurden vom Orchester unter Thomas Rösner in lebendigem „sprechendem“ Vortrag interpretiert, was für die Pianisten nicht ganz so zutrifft, wobei das Spiel der

Pianistin noch etwas subtiler wirkte als das etwas starre des Pianisten.

 

Zoologische Fantasie

 

Nach der Pause folgte zunächst die Suite „Le Tombeau de Couperin“, vier Sätze, welche Maurice Ravel aus der gleichnamigen Kla-viersuite orchestriert hat. Die Streicher spielten klanglich schön und präzis, bei den Holz-bläsern stimmte die Präzision weitgehend,

 

doch klanglich waren sie nicht so ausge-glichen wie erwartet, und man konnte denken, sie seien in Gedanken schon beim „Karneval der Tiere“.

Zum Abschluss des Konzertes erklang die „Grosse zoologische Fantasie“ von Camille Saint-Saëns, die der Komponist in Österreich für ein Fasnachtskonzert geschrieben, aber zu Lebzeiten nie veröffentlicht hat.

 

Lacher auf ihrer Seite

 

Kurt Aeschbacher und Guy Delafontaine waren die Erzähler eines Textes, der nicht auf Saint-Saëns zurück geht und deren es etliche, gute und weniger gute gibt. Der französische Text schien uns subtiler als der deutsche, obwohl der deutsche vielleicht noch mehr Gags und aktuelle Anspielungen aufwies. Leider waren in der Saalakustik nicht alle Pointen für alle verständlich. Aber sowohl Aeschbacher wie Delafontaine hatten die Lacher auf ihrer Seite. Die Instrumentalisten hatten nicht weniger Erfolg, denn sowohl der Kontrabass für den Elefanten, die Flöte für die Vögel, die Klarinette für den Kuckuck oder das Xylophon für die „Fossilien“ lie-ferten perfekte Klangbilder ab. Die Streicher waren untadelig und die beiden Pianisten trugen das Ihre zu einem grossen Publi-kumserfolg bei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Gelungene Dirigentenprüfung

 

Abschlussprüfung vor grossem Publikum, das war das Sommerkonzert vom Mittwoch im Stadtpark.

 

Daniel Andres

 

 

Zwei Studierende der Hochschule der Künste Zürich standen vor dem Sinfonieorchester Biel. Ein zahlreiches Publikum, das auf ein genussreiches Konzert wartete, aber in der ersten Reihe sassen auch die Prüfungs-experten, die, mit der Partitur der gespielten Werke ausgerüstet, Auge und Ohr anders auf die Probanden richteten als gewöhnliche Zuhörer.

Unabhängig von der Prüfungssituation gab es ein abwechslungsreiches Programm zu hören mit einem Klassiker des Neoklassizismus, der „Klassischen Sinfonie“ von Sergej Prokofieff (eine der möglichen Schreibweisen), dem Cellokonzert des Franzosen Edouard Lalo und der Ouvertüre-Fantasie „Romeo und Julia“ von Peter Tschaikowski.

 

Durchsichtiger Klang

 

Der aus Bulgarien stammende Droujelub Yanakiev hatte die Aufgabe, die „Klassische Sinfonie“ von Prokofieff zu dirigieren. Die frühe Sinfonie von Prokofieff im „klassischen Stil“ bietet vielleicht nicht so grosse dirigier-technische Probleme, aber schwierig ist es eher, in einem sehr durchsichtigen Klang das Orchester in teilweise heiklen Passagen zu äusserster Präzision zu bringen. Dazu geschieht neben den Hauptstimmen immer noch Etliches in den sogenannten Neben-stimmen, worauf der Dirigent auch sein Augen- oder Ohrenmerk richten sollte. Die Wiedergabe mit dem ökonomisch arbeitenden Dirigenten gelang jedenfalls plastisch und lebendig, keineswegs pauschal, und man freute sich auch an den vielen kleinen Ein-

würfen der Bläser in einer insgesamt recht ausgeglichenen Klangbalance.

 

Tadelloses Vermittlerin

 

So auf Anhieb gesehen hatte die Dirigentin

 

Olivera Sekulic-Barac die anspruchsvollere Aufgabe zu bewältigen. Für sie galt es, Paolo Bonomini im Cellokonzert in d-moll von Edouard Lalo zu begleiten, und anschliessend hatte sie die Ouvertüre.Fantasie „Romeo und Julia“ von Tschaikowski zu gestalten.

Im Cellokonzert muss die Dirigentin Ver-mittlerin zwischen Solist und Orchester spielen, einerseits die Intentionen des Solisten aufnehmen und mit dem Orchester koor-dinieren und doch insgesamt auch die Führ-ung behalten. Dies gelang ihr eigentlich beeindruckend gut. Der vorzügliche junge Cellist Paolo Bonomini, der in Bern bei Antonio Meneses studiert, meisterte den schwierigen Solopart untadelig und mit grosser Sicherheit. Die Dirigentin mit ser-bischen Wurzeln, die nach Studien in Belgrad ebenfalls zu Johannes Schlaefli in Zürich wechselte, war eine ebenso sichere Begleiterin, und so kam das auch musikalisch anspruchs-volle Werk des immer noch etwas unter-schätzten Franzosen zu einer würdigen Auf-führung. Vielleicht etwas knallige Orchester-schläge im Tutti, aber da spielten die Tücken der Akustik wohl auch mit.

 

Gestaltungswille

 

Erstaunlich reif wirkte die Interpretation der Orchesterfantasie von Tschaikowski, hier trat

neben dem dirigentischen Handwerk auch ein offensichtlicher Gestaltungswille hervor. Die Schwächen lagen hier eher in der Un-terbesetzung der Streicher, welche den Ausgleich mit den Bläsern und auch den grossen Atem in den singenden Themen etwas schwierig machte. Aber die Dramatik und die Dramaturgie des Werkes stimmten, die blühenden Melodien atmeten und die dramatischen Partien wirkten nicht lärmig, sondern waren auch differenziert dosiert und präzis. Bleibt anzumerken, dass das Bieler

 

Orchester, mit etlichen Praktikanten des Sommerkurses besetzt, engagiert und auf-merksam mitging und den jungen Dirigenten und Solisten eine gute Stütze war.

 

Droujelub Yanakiew

Droujelub Yanakiev

Geboren 1975 in Sofia, Bulgarien, erhielt er 1982 seinen ersten Violinunterricht. 1999 er warb er an der HMT Bern/ Biel in der Klasse von Christine Ragaz das Konzert-reifedplom und 2003 bei Eva Zurbrügg das Solisten-diplom. Er unterrichtet am Conservatoire Jurassien in Delsberg. Seit 2003 studierte Droujelub in der Dirigierklasse von Johannes Schlaefli an der HMT Zürich.

 

Olivera Sekulic-Barac

Nach Studien an der Musikaka-demie in Belgrad wechselte Olivera Sekulic-Barac (*1979) zu Jo-hannes Schlaefli an die Hoch-schule der Künste Zürich. Sie arbeitete mit Dirigenten wie Peter Eötvös, Kirk Trevor, Tzung Yen und Pierre-Alain Monot zu-sammen. Seit 2007 springt sie sporadisch als Assistentin des Radiosinfonieorchesters und -chores in Belgrad ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Exotische Klänge im Stadtpark

 

Am ersten Sommerkonzert spielte das Sinfonieorchester Biel unter Thomas Rösner exotische Klänge aus Frankreich

und Russland.

 

Daniel Andres

 

 

Alexandre Dubach in "Tzigane" von Maurice Ravel

(Foto Daniel Andres)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Geigenvirtuose Alexandre Dubach machte den Auftakt mit „Tzigane“ von Maurice Ravel. Der Franzose hat vielleicht an ungarische Zigeunermusik gedacht, aber  doch wohl eher an die französische und spanische Zigeu-nertradition angeknüpft. Jedenfalls ist das virtuose Werk mit allen möglichen geigeri-schen Kunststücken ausgestattet und beginnt ja bereits mit einer ausgedehnten Solo-Kadenz bevor Harfe und Bläser einsetzen. Aber doppelbödig ist die Virtuosität bei Ravel auch immer, da bewegt sich der Geiger nicht zum blossen Vergnügen auf dem hohen Seil, und wenn nicht der Geiger abstürzt so ist doch in der Musik eine Gefährdung, ähnlich wie in „La Valse“ oder auch im Klavierkonzert für die linke Hand. Alexandre Dubach hat das gei-

gerische Handwerk um nicht abzustürzen und gerade in solch halsbrecherischen Werken bewegt er sich selber ein bisschen auf einer  seelischen Gratwanderung. Jedenfalls fesselte

er Kenner und Liebhaber mit einer klanglich schönen und sehr spannungsvollen, keine Risiken scheuenden Darbietung. Bei der folgenden Fantasie über Melodien aus „Gräfin Mariza“ von Emmerich Kalman kam dann das rein unterhaltsame Element ungefährdet zum Ausdruck.

Thomas Rösner hat mir dem verstärkten Or- chester eine farbenreiche Interpretation der „Scheherazade“ von Nikolai Rimsky-Korsakoff vorbereitet. Auch der Russe sucht seine Inspiration jenseits der Landesgrenzen, in der orientalischen Welt von "Tausendundeine Nacht". Vier markante Erzählungen aus diesem grossen und grossartigen Prosawerk werden musikalisch nachempfunden und die Rolle der Scheherazade, welche von Nacht zu Nacht die Aufmerksamkeit des lauschenden Kalifen erhalten muss, wird durch die Solo-Violine, welche durch die Erzählungen führt, dargestellt.

Zwar waren die einleitenden Bläserakkorde und auch weitere Stellen im Blech nicht alle ganz lupenrein. Im Aufbau der viersätzigen Programm-Sinfonie hätte man sich etwas mehr Zielgerichtetheit vorstellen können, der erste Satz klang vielleicht etwas behäbig langsam, dem letzten Satz fehlte die aufbauende Steigerung zum Höhepunkt vor dem auf den Anfang zurück greifenden Schluss.

Dazwischen gab es aber mannigfaltige Möglichkeiten für schöne Soli, vor allem des Konzertmeisters Daniel Kobyliansky, aber auch des Solo-Cellos und der Holzbläser.  Poetisch vor allem die beiden mittleren Sätze, die in den Streichern und den Holzbläsern auch klanglich apart herüberkamen.

Es war, vor vielen Zuhörern, insgesamt ein schöner Auftakt zu den wenigen Sommer-konzerten, die dem Bieler Publikum in den letzten Jahren noch geblieben sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Unterschiedliche Reife und Können

 

Zehn Absolventen der Bieler Sommerakademie traten am Sonntag begleitet vom Philharmonischen Orchester Budweis als Solisten auf.

 

Daniel Andres

 

 

Bereits am Samstag hatte ein erstes Schlusskonzert mit Orchester stattgefunden. Eine weitere engere Auswahl konnte sich dann am Sonntagnachmittag vor einem zahl-reichen und den jungen Solisten wohlge-sinnten Publikum im Volkshaussaal präsen-tieren.

Einige der Nachwuchsmusiker fielen beson-ders auf, durch sicheres Auftreten, solides und fundiertes handwerkliches Können, aber zusätzlich auch durch ein bereits reiferes mu-sikalisches Gestaltungsvermögen.

 

Bescheidener „Jungstar“

 

Bereits seit einigen Jahren ist Jean-Sélim Abdelmoula der heimliche oder jetzt schon offene „Star“ der Akademie. Bei seiner ersten Teilnahme war er gerade mal zwölf Jahre alt und schon weit fortgeschritten in der Beherr-schung seines Instruments, dem Klavier. Inzwischen hat er vor knapp Jahresfrist seinen ersten Auftritt am Luzerner Musikfestival ge-habt und sich auch andernorts Lorbeeren ge-holt, auch als ausserordentlich viel verspre-chender Komponist und Improvisator. Dieses Jahr spielte er am Schluss des Programms zwei Sätze aus dem vierten Klavierkonzert in G-Dur von Ludwig van Beethoven. Er bezauberte im zweiten Satz, einem berühmten Dialog zwi-schen forschen Streichern und einem klagend bittenden Klavier, durch subtile Anschlags-kunst. Und er begeisterte das Publikum im

„Rondo vivace“ durch angriffslustiges aber auch leichtes, perlendes und im Seitensatz lyrisch versunkenes Spiel, durch eine bewundernswerte musikalische Reife, nicht zuletzt auch durch seine bescheidene Art.

 

Saubere Technik, gefälliger Ton

 

Nicht ganz so konzertreif, aber doch über-zeugend waren etwa der Cellist Daniel Hof-mann in einem Stück von Giacchino Rossini und die Cellistin Ella Jarrige im Cellokonzert C-Dur von Joseph Haydn. Sehr gefällig, sauber in der Technik, schön in der Tongebung und äusserst musikantisch der Klarinettist Milutin Pavlovic im Klarinettenkonzert A-Dur von Mo-zart.

Zwei Pianisten spielten je einen Satz aus einem Klavierkonzert von Mozart, Sylvain Viredaz im A-Dur-Konzert KV 414 und Julien Painot im C-Dur-Konzert KV 415. Beide gefielen mit sau-beren perlenden Läufen, einem leichten aber akzentuierten Anschlag und einer recht freien und natürlichen Gestaltung des Notentextes. Auch die beiden Violinistinnen Saya Nagasaki und Angela Bàlint wirkten im G-Dur-Konzert und im A-Dur-Konzert von Mozart recht un-verkrampft und bewältigten die technischen Anforderungen etwa in den Kadenzen gut. Der

Geigenton war bei beiden noch nicht bis ins Letzte befreit. Der noch sehr junge  Flötist Samuel Rueff gefiel mit sauberer Technik und schönem Ton in einem der Flötenkonzerte von

 Joseph Joachim Quantz (der hat hunderte von Flötenkonzerten für seinen Dienstherrn Frie-drich den Grossen geschrieben). Die temperamentvolle Camilla Castellucci bril-lierte in zwei Sätzen aus dem Flötenkonzert e-moll von Saverio Mercadante, einem auf ge-fällige Melodik und eindrucksvolle Virtuo-sität angelegtes Stück des italienischen Klas-sikers, das die Solistin auch mit Bravour meisterte.

 

Langjährige Freundschaften

 

Das Philharmonische Orchester Budweis, seit anderthalb Jahrzehnten regelmässiger Beglei-ter der Sommerakademie, war mit seinem Chefdirigenten David Svec wie immer ein zu-verlässiger und auch musikalisch anregender Partner. Einzig der sympathische junge zwei-te Hornist sollte seinen Ansatz noch soweit trainieren um nicht jeden zweiten Einsatz zu verpatzen. Die Schlusskonzerte zeigen je-weils, wie gut verankert die Sommerakademie Biel bei einem interessiert mitgehenden Bieler Publikum seit einem Vierteljahrhundert ist. Einem Publikum, das auch Gönner ist und sowohl Kursteilnehmer und - oft seit Jahren dieselben - Orchestermitglieder beherbergt, und damit auch langjährige Freundschaften zwischen der Region Biel und der Region Südböhmen entstehen liess.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotogalerie

 

 

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Grundstein für eigenständiges Musikleben

 

Vierzig Jahre Sinfonieorchester und siebzig Jahre Jost Meier waren unter dem Motto „Jubilé“ des neunten Sinfoniekonzertes der Saison zu verstehen.

 

Daniel Andres

 

 

Mit dem Orchesterwerk „Ascona“ aus dem Jahr 1989 wurde der im März siebzig Jahre alt gewordene Komponist und Gründer des Bieler Sinfonieorchesters Jost Meier zu Beginn ge-ehrt. Das dreisätzige Werk entfaltete unter Lei-tung des heutigen Chefdirigenten Thomas Rösner seine ganze subtile Farbigkeit. Es ist auch geprägt von melodischen Linien, die na-mentlich bei den Holzbläsern – der Flöte, der Klarinette und dem Englischhorn – bestens aufgehoben waren. Eine Musik, die das Idiom Jost Meiers ist, und die nie von Doktrinen und Ideologien beherrscht wurde, sondern höch-stens vom Bestreben, den Musikern schöne Aufgaben und den Zuhörern intelligenten Genuss zu bieten.

 

Mut zum Unkonventionellen

 

In seiner Laudatio hob auch der Komponist Rudolf Kelterborn das gestalterische und kreative Potential Jost Meiers hervor. Aber dazu auch das kulturpolitische Engagement in mehrerer Hinsicht. Mit dem Bieler Sinfonie-orchester legte Jost Meier (mit dem Grün-dungspräsidenten Edi Benz) den Grundstein für ein reiches eigenständiges Musikleben in der „Provinzstadt“, etwas was viel wichtiger

 

sei als grosse repräsentative Festivals.

Kelterborn zitierte einige Programmzusammen-stellungen aus der Aera Jost Meier, die zeig-ten, dass damals der Wagemut zum Unkon-ventionellen, mit regelmässigen Uraufführun-gen auch von lokalen Komponisten und der Pflege neuer Musik in der Gegenüberstellung zur Tradition, herrschte. Etwas von diesem Mut täte auch der heutigen Programmgestal-tung wieder gut. Und Jost Meier schrieb – etwa im Winzerfestspiel von Vevey – immer wieder Musik, die auch von Laien lustvoll und erfolgreich bewältigt werden konnte, wie er auch dem musikalischen Nachwuchs in vieler-lei Hinsicht ein verständnisvoller und enga-gierter Betreuer und Hilfesteller war und ist.

 

Depressiv mit Aufhellungen

 

Das musikalische Programm hatte im Violin-konzert in d-moll, dem letzten Orchesterwerk von Robert Schumann, einen weiteren Schwerpunkt. Der Konzertmeister des Or-chesters Daniel Kobyliansky hatte dieses schwierige Konzert mit seiner problemati-schen Rezeptionsgeschichte ausgewählt und – wie er uns sagte – ein Jahr lang hart daran gearbeitet. Das Ergebnis war rundherum be-glückend. Zwar ist es eine im Wesentlichen depressive Musik mit einigen wenigen Auf-hellungen. Daniel Kobyliansky versuchte nicht, mit schönen Kantilenen die Problematik dieser Musik zu überspielen. Einerseits kam

 

das Stockende und auf unsicherem Boden stehende der Musik  auch in den lyrischen Teilen durch die Artikulation zum Ausdruck, zum Anderen scheute der Geiger auch vor raueren Tönen etwa in den fast geräusch-haften Spiccati nicht zurück. Technisch war das Spiel des Solisten eine Höchstleistung, musikalisch war man von Anfang bis Ende und auch im angeblich zu langen Schlusssatz gefesselt. Das Orchester und Thomas Rösner trugen zu der bewegenden Aufführung mit einem zurückhaltenden und sehr mitem-pfindenden Spiel sehr viel bei. Der sehr be-scheiden auftretende Solist verwöhnte das lang applaudierende Publikum mit einer herr-lich akzentuiert vorgetragenen Bourrée aus der h-moll-Partita von Bach.

 

Nicht auf dem Niveau

 

Die abschliessende letzte Sinfonie, die Num-mer 104 in D-Dur, von Joseph Haydn er-reichte nicht mehr ganz das Niveau des Vor-angegangenen. Schöne Piani entschädigten nicht für zu pauschale, wenn auch akzentu-ierte Forti, und es schlichen sich in der doch insgesamt etwas grobschlächtigen Interpre-tation schon von Anbeginn zu viele Unge-nauigkeiten ein, und auch die Tempi waren – speziell das Menuett, wo aus einem Alle-gretto ein Presto wurde  - mindestens teil-weise diskutabel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Vielfältige und unterschiedliche Ansätze

Ein langes Programm mit acht zeitgenössischen Werken, worunter drei Uraufführungen von Schweizer Komponisten, wurde am 2. Mai in Bern und am 4. Mai im Bieler Farelsaal gespielt.

Daniel Andres

Ausführende waren sechs Musikerinnen und Musiker des Ensembles „bern modern“ in wechselnden Besetzungen. Und unterschied-lich waren die kompositorischen Ansätze, denn neben älteren und jüngeren Schweizern kamen auch ein Litaue, ein Ukrainer und ein Tscheche zu Wort. Damit wurde das über zweistündige Konzert im Rahmen des all-jährlichen Festivals „L’art pour l’Aar“ auch nicht langweilig, obwohl es den in Bern we-nigen, in Biel etwas zahlreicheren Zuhörern et-liche Konzentration abverlangte.

 

Mit starkem Ausdruck

 

Michiko Tsuda, Frédéric Carrière und Barbara Gasser spielten als Auftakt von Anneliese Weibel ein dreisätziges Trio für Klavier, Viola und Violoncello. Die ungewöhnliche Beset-zung mit dunklen Streichern gab auch das Kli-ma des Stücks an, eher schwere und mit star-kem Ausdruck erfüllte Klänge. Es gab aber durchaus auch Aufhellungen in den höchsten Registern der Streichinstrumente und in aus-gesuchten harmonischen Kombinationen des Klaviers. Anneliese Weibel hatte in Biel Kla-vier studiert und lebt seit über zwei Jahrzehn-ten in den USA, wo sie Musikethnologie und Komposition studierte und heute an der State University of New York unterrichtet.

Daniel Andres schrieb Fantasiestücke für Kla-

rinette und Streichtrio. Die mit „Traumgebil-de“, „Zwischen Wachen und Träumen“ und „Phantasmen“ überschriebenen Nacht-Stücke orientieren sich an Robert Schumann ohne in einen direkten Neoromantismus zu verfallen. Am besten kamen beim Publikum die zwei letz-ten Stücke an, die vor allem in irrealen Klängen

 

die Möglichkeiten der Instrumente ausloten. Der Klarinettist Lukas Vogelsang stach hier mit hauchzarten Pianissimi und hingehauch-ten schnellen Läufen hervor.

 

Feingliedrige Strukturen

 

Vytautas Germanavicius aus Litauen schreibt auch klangliche Musik, die sich an einem Grundton – fast imaginär – festklammert und darüber mit feinen Strukturen arbeitet. Eine eingängliche, farbenreiche und feingliedrige Musik sowohl für ein Ensemble mit Flöte, Klarinette und Streichern in „Begaline Pietu Salu Vasara“ als auch im unterhaltsamen Duo „Be Melting Snow“ für Flöte und Klarinette, von Pierre-André Bovey und Lukas Vogel-sang mit einer Prise Humor vorgetragen.

In Stücken für Violine solo des Ukrainers Alexej Schedrenski brillierte Gabrielle Brunner mit charakteristischen Techniken und Ausdrucksweisen vom Emphatischen zum Gedankenverlorenen bis zum exzessiv Virtuo-sen. Ondrej Stochl aus Tschechien wiederum fand zu feinen Klangkombinationen und Strukturen in einem „Epilog“ für Altflöte,

 

Viola und Violoncello (Pierre-André Bovey, Frédéric Carrière und Barbara Gasser).

 

Grundmaterial variiert

 

Pierre-André Bovey wirkte in seinem Stück „Sìn“ für Flöte und Streicher als versierter Flötist mit unendlichen Klangschattierung  mit. Er variiert ein Grundmaterial in elf Se-quenzen, welche harmonisch und melodisch oft an Frank Martin und eine impressio-nistisch gefärbte Harmonik erinnern, aber doch eigenständig wiederum vom Klangsinn des Komponisten zeugen.

Und schliesslich „un-ge-dicht“ für Flöte, Vio-line, Viola und Violoncello von Lukas Vo-gelsang. Auch er variiert ein Grundmotiv – ich hörte vor allem die Klangfolge D-S-C-H her-aus, anderen sprangen andere Motive ins Ohr – melodisch und rhythmisch, lässt die er-kennbaren Tonfolgen transponieren und durch die Instrumente wandern und erzeigt ei-ne gewisse Dichte, die sich aber bald er-schöpft, wobei der Komponist die Klugheit hatte, im rechten Moment aufzuhören, so dass das an sich amüsante Stück nicht zu langweilen beginnt. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Junger Pianist in Frühwerken grosser Meister

 

Der junge Solothurner Pianist Gabriel Emmanuel Arnold führte einem interessierten Bieler Publikum sein

neustes Rezital-Programm vor.

 

Daniel Andres

 

Es war ein wenig wie ein Blick in die Werkstatt des Pianisten. Gabriel Arnold spielte ein neues Programm erstmals vor Publikum und über-zeugte, zeigte aber auch, wo der Feinschliff noch ansetzen muss. Die Sonate von Bela Bar-tok liess er weg, diesen Entschluss fasste er zehn  Minuten vor Konzertbeginn. Er habe wochenlang wie wahnsinnig an diesem Werk geübt, sagte er privat, aber er habe sich noch zu wenig sicher gefühlt.

Wir kennen äusserst namhafte Künstler mit grossem internationalem Ruf, die ihre Pro-gramme erstmals vor kleinem privatem Publi-kum auf den Prüfstand stellen. Wir kennen ebenso berühmte Künstler, die im letzten oder vorletzten Augenblick ein Werk nicht spielen oder gar ein Konzert unter einem Vorwand ab-sagen, aus Angst, noch nicht genügend vor-bereitet zu sein.

Das Rezital von Gabriel Arnold am Sonntag im Farelsaal war gleichsam ein solches Privat-konzert vor fast lauter Leuten, die den jungen Pianisten seit längerer Zeit kennen. Er wird mit derselben Werkfolge im Mai in Zürich und an-schliessend in mehreren Konzerten in Italien auftreten.

 

Früher Beethoven

 

Das Konzert wurde mit der Sonate in A-Dur Opus 2 Nr. 2 von Ludwig van Beethoven eröffnet. Es ist eine der drei ersten Klavierso-

 

naten Beethovens, die der Komponist seinem Lehrer Joseph Haydn widmete und mit denen er auch erstmals in Wien öffentlich auftrat. In Form und Anlage sind diese Sonaten in der klassischen Tradition Haydns und Mozarts (sagt man), aber allüberall blitzt das sehr eigene Genie Beethovens auf.

Gabriel Arnold gelang es, die Gegensätze zwi-schen knappen prägnanten Motiven und ausholenden gesanglichen Partien sowohl im ersten wie im letzten Satz plastisch heraus zu arbeiten. Vieles ist für die damalige Zeit sehr virtuos, sehr rasche Läufe in einer weit ge-spannten Textur. Gabriel Arnold ist den technischen Anforderungen in jeder Hinsicht gewachsen und er präsentiert auch einen kla-ren, fast trockenen (wenig Pedal) aber akzen-tuierten und in den manchmal sogar ver-spielten Details gut ausgearbeiteten Beet-hoven. Der mit „Largo appassionato“ über-schriebene langsame Satz war voll Strenge und Unerbittlichkeit. Und doch hat diese A-Dur-Sonate auch ihre Lieblichkeit, die noch etwas stärker, als Gegensatz zu gewissen Schroffheiten, zur Geltung gebracht werden könnte.

 

Jugendlicher Brahms

 

Die dritte Klaviersonate in f-moll, Opus 5, von Johannes Brahms ist ein Prüfstein für jeden Pianisten. Sie erfordert  Technik, Kraft und

 

vor allem überlegte und überlegene Gestaltungskraft. Schon der erste Satz ist ein Gebirge aus aufgetürmten Akkorden mit ge-legentlichen überirdischen Ruhepunkten, dem man geistig und körperlich gewachsen sein muss. Der zweite und vierte Satz, die innerlich verwandt sind und den lyrischen, versun-kenen Brahms schon als Zwanzigjährigen zei-gen, stellen Anforderungen an das klangliche Gestaltungsvermögen. Das Scherzo ist wie-derum beinahe konzertant kraftvoll mit einem verinnerlichten, traumhaften Trio. Und das Fi-nale braucht ausser technischen Fähigkeiten, vor allem in der gefürchteten Stretta, Weit-blick und Überblick.

Noch gelang dem jungen Pianisten nicht alles vollkommen, aber sehr Vieles geriet treffsicher in Klang und Stimmung. Wir genossen und liebten die Durchführung des ersten Satzes mit ihren Abschweifungen, eine schöne klangliche Palette  in den lyrischen Sätzen, und das Trio des Scherzo, das nach Aus-brüchen in eine schlichte Versunkenheit kehrt.

Wir schätzten ebenfalls die Magie des Au-genblicks, wo erstmals im letzten Satz ein Thema choralartig auftritt, das sich dann zur Stretta und teilweise zu hymnischer Grösse auswächst.

Gabriel Arnold bedankte sich für den Applaus seines treuen Publikums mit dem C-Dur-Prä-ludium von Johann Sebastian Bach.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Populäre Klassik, vital gespielt

 

Das 8. Sinfoniekonzert SOB wartete mit einem gefälligen Programm auf. Überraschend waren die jungen Solisten und eine sehr vitale Darstellung von Dvoraks „Neunter“.

 

Daniel Andres

 

In der ersten Programmhälfte zwei romantische „Klassizisten“, dabei nicht unbedingt durch zentrale Werke vertreten. Felix Mendelssohn schrieb als 20-jähriger das Singspiel „Heimkehr aus der Fremde“, wovon gelegentlich heute noch die Ouvertüre erklingt. Es ist liebliche Musik, die nicht zum Bedeutendsten gehört was das junge Genie damals geschrieben hat. Doch so klangschön und detailverliebt dargeboten wie durch Kaspar Zehnder und das Sinfonieorchester Biel, erweckte das kurze Stück eitel Wohlgefallen.

Auch die drei Stücke für Solo-Instrumente und Orchester des Franzosen Camille Saint-Saëns sind nicht Hauptwerke des von Mendelssohn stilistisch inspirierten Komponisten. Am bekanntesten ist noch die „Havanaise“, welche zu den damals in Mode stehenden spanisch angehauchten Virtuosenstücken gehört. Sie ist auch für den damals blutjungen spani-schen Geiger Pablo de Sarasate geschrieben worden. Die ebenfalls sehr junge Geigerin Fiona Kraege brachte die süsse Sinnlichkeit und Eleganz dieser Musik mit schlankem und doch sehr schönem Ton auf den Punkt.

 

Poetische Idee

 

Der erst 17-jährige Malcolm Kraege brillierte anschliessend in einem weniger bekannten Stück, dem „Allegro appassionato“ für Vio-loncello und Orchester.  Kleine Unsicherheiten zu Beginn, aber dann eine überzeugende Leis-

 

tung in einem doch recht virtuosen aber nicht unbedingt effektvollen Werk.

Die jungen Solisten liefen zu Hochform in einem noch weniger effekthascherischen

Stück auf, einer Art sinfonischem Gedicht mit zwei Solo-Instrumenten betitelt „La Muse et le Poête“ (Die Muse und der Dichter). Zusammen mit dem auch hier einfühlsam mitgehenden Dirigenten und dem Orchester kam eine wirklich poetische und stimmungsvolle Wiedergabe des Werks zustande. Sowohl die Violonistin wie der Cellist spielten sich gegenseitig die Melodien zu und stellten hier die zweifellos auch notwendige Technik ganz in den Dienst der poetischen Idee.

Endgültig nahmen die Solisten das Publikum für sich ein mit Ausschnitten aus der Cha-conne von Händel, die von Johan Halvorsen ohne allzu viel falschem Respekt vor dem Original adaptiert wurde. Hier konnten die jungen Musiker sowohl mit brillanter Technik als auch mit befreiter Musikalität auftrumpfen.

 

„Verbraucht“ und doch vital

 

Nach der Pause ein weiteres Werk, das – nach der Mendelssohn-Ouvertüre – zum Konzertmotto „Fernweh und Heimkehr“ passte. Antonin Dvoraks neunte Sinfonie mit dem Beinamen „Aus der Neuen Welt“ ist ein Resultat seines Amerika-Aufenthaltes.

Einflüsse der schwarzen und der indianischen Musik sollen da hinein geflossen sein, aber

der Heimweh-Böhme ist ebenso unverkenn-bar. Kompositorisch ist diese „Neunte“ ein Meisterwerk, leider viel zu oft gespielt und auch verballhornt und deswegen ein bisschen „verbraucht“. Aber die Wiedergabe durch Kaspar Zehnder und das engagiert mitgehende Sinfonieorchester Biel war von einer solchen Lebendigkeit, dass man von Anfang bis Schluss mit Vergnügen und Freude hinhörte.

Der Ausgleich zwischen den Registern war beinahe vorbildlich, obwohl die Bieler über eine kleine (aber vollauf genügende) Streicherbesetzung verfügen und das Blech, wo es angezeigt war, nicht zurückhielt. Aber die grossen Stellen mit Blech und Pauken waren auch nicht forciert. Die Holzbläser (Eng-lischhorn, Klarinette) vor allem in den Soli klangschön und sensibel gestaltend. Kaspar Zehnder wählte in den Ecksätzen zügige Tempi, liess aber der Musik doch Raum zum Atmen, es war eine packende, vitale und zugleich reife Auslegung eines populären Werks, welches auch in seinen Details und Verästelungen hervorragend ausgestaltet war.

Das Programm war etliche Male für eine Pri-vatbank und deren Kunden in verschiedenen Schweizer Städten gespielt worden, und wohl auch dadurch konnten alle Mitwirkenden am Bieler Konzert frei aus dem Vollen schöpfen. Für das Publikum ein zu Recht heftig applaudierter Genuss.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Meditative Cello-Suiten

 

Zwei Cello-Suiten, gespielt von Ludwig Frankmar auf dem Barockcello, standen im Mittelpunkt des Konzertes an Ostern in der Zwinglikirche Bözingen.

 

Daniel Andres

 

Im Abstand von nur zwei Wochen konnte man Solo-Suiten für Cello von Johann Sebastian Bach, gespielt auf dem Barockcello, hören. War es im Logensaal der gesamte Zyklus von sechs Suiten, so in der Zwinglikirche am Os-tersonntag die Suiten zwei und sechs. Beide wurden auf einem fünfsaitigen Barockcello gespielt. Dieses Instrument ist eine Rekon-struktion und laut den Musikhistorikern ist es nicht eindeutig, was Bach gemeint hat, als er die sechste seiner Cello-Suiten für ein Instru-ment „à cinque cordes“ geschrieben hat. Ist es das Violoncello piccolo, das Bach auch in etlichen seiner Kantaten vorschreibt, oder vielleicht die Viola pomposa, welche Bach er-funden haben soll, die aber nicht zwischen den Knien sondern wie eine Viola da braccia, also eine Bratsche, mit dem Arm gehalten wurde.

 

Plastische Mehrstimmigkeit

 

Ludwig Frankmar aus Berlin und Basel spielte zunächst die original für fünf Saiten ge-schriebene sechste Suite in D-Dur. Dank den leeren Saiten ist sie nicht nur besser spielbar als auf dem viersaitigen Violoncello, sondern sie klingt auch natürlicher. Es ist beinahe ver-blüffend, wie „einfach“ die Mehrklänge und die „Barriolages“, das Spiel über mehrere Saiten, klingen, was auf dem üblichen Cello äusserst schwierig zu greifen ist.

 

Ludwig Frankmars Interpretation unter-schied sich auch sonst von der durch den Holländer Jaap Ter Linden gehörten. Es gelang ihm durch detaillierte Agogik und Betonungen noch stärker, auch im scheinbar einstimmigen Spiel die immanente Mehrstim-migkeit plastisch hervor zu holen. Zusammen mit gemässigten Tempi in den Eingangs-Prä-ludien und in den Allemandes oder den Sa-rabandes erhielten sowohl die sechste wie auch die zweite Suite in d-moll einen medi-tativen und philosophischen Charakter. Das wirkte gerade im akustisch angenehmen Kir-chenraum ungemein entspannend und es war somit ein musikalischer Genuss wie auch ein seelischer Gewinn, dem aus Schweden stam-menden Musiker zuzuhören.

 

Ausdrucksstarke Musik

 

Die belebten Sätze wie die Courantes und Gigues hatten dann doch viel leichte und spielerische Virtuosität, dazu auch akzentu-ierte Bogenattacken  und bildeten somit auch einen erfreulichen Kontrast zu den be-sinnlicheren Partien. Und die eingeschobe-nen Tänze zwischen Sarabande und Gigue – in der sechsten zwei Gavotten, in der zweiten Suite zwei Menuette – erhielten wiederum ih-ren je eigenen profilierten Charakter. Auch die Tonqualität auf dem mit Darmsaiten be-spannten Original-Instrument von Louis

 

Guerson von 1756 aus Paris war von beinahe überraschender Wärme. Die historische Aufführungspraxis wie sie hier praktiziert wurde, war gepaart mit einer gemässigten aber doch aussagekräftigen Expressivität, welche der Musik von Bach gut anstand.

 

Frühbarocke Ruhepunkte

 

Als Einleitung und zwischen den beiden Bach-Suiten spielte der Cellist zwei „Ricer-cate“ des Venezianers Giovanni Bassano, wel-cher an der Wende vom 16. zum 17. Jahr-hundert gewirkt hat. Das heisst auch in der stilistischen Wendezeit zwischen Renaissan-ce und Barock, welche einen starken Ein-schnitt in der Musik von der linearen Mehr-stimmigkeit zu einer akkordisch begleiteten Melodik brachte. Die „Ricercate“ sind so-zusagen instrumentale Übertragungen von Vokalmusik, wobei eine einstimmige Linie die Illusion von Mehrstimmigkeit erzeugen kann. Ein Prinzip, das wir in Gamben- und Lau-tenmusik dieser Zeit finden und welches Bach in seinen Solosuiten zu höchster Vollendung geführt hat. Auch diese Stücke aus dem Früh-barock hatten einen meditativen Charakter und wirkten als Ruhepunkte zwischen den doch wesentlich ereignisreicheren Suiten, die Bach im Dienste des Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen schrieb.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Uneingeschränkt erfreuliches Wechselspiel

 

Howard Griffiths leitete anstelle von Milan Horvat das siebte Sinfoniekonzert im Kongresshaus. Marc Pantillon war Solist im

3. Klavierkonzert von Beethoven.

 

Daniel Andres

 

Ein durch und durch klassisches Programm mit Werken von Mozart, Beethoven und Mendelssohn zog noch fast mehr Publikum als üblich in den grossen Saal des Kongresshauses. Der Titel des Programms kann Anlass zu Überlegungen geben. „Ver-webte Traditionen“ kann ja andeuten, wie stark Komponisten von ihren Vorgängern Anregungen empfangen und wie stark sie wiederum auf ihre Nachfolger einwirken.

Sowohl von Mozart, wie Beethoven oder Mendelssohn liesse sich darüber Bücher schreiben. Felix Mendelssohn ist vielleicht gerade darum interessant, weil er als klassi-zistischer Romantiker schubladisiert, we-gen seines jugendlichen Genies als Mozart des 19.Jahrhunderts bezeichnet und wegen seiner jüdischen Herkunft schon von Wag-ner und dann von den deutschen Natio-nalsozialisten aufs grässlichste und dümm-lichste verunglimpft wurde. Sein Einfluss auf die deutsche Romantik, sogar auf Wag-ner, aber auch auf den Franzosen Camille Saint-Saëns und den Russen Piotr Tschai-kowsky ist dennoch nicht zu übersehen. Und mit der fünften Sinfonie, der soge-nannten „Reformations“-Sinfonie, der Ent-stehung nach die Zweite, schuf der Zwan-zigjährige insbesondere mit dem Finale ein Formmodell, das man bei Anton Bruckner oder auch bei Gustav Mahler in ausgewei-tetem und vergrössertem Format wiederfin-

det. Soweit zu den „Verwebten Traditio-nen“.

Die im Vergleich zu der „Italienischen“ und

der „Schottischen“ relativ wenig gespielte Sinfonie hat nicht formale Mängel, aber man versteht Mendelssohn, wenn er das Werk gerne noch mal überarbeitet hätte. Gerade das Finale, aber auch der Kopfsatz wirken über gewisse Strecken wie ein Entwurf, der im Detail noch eine Vertiefung vertragen hätte. Nichtsdestotrotz war die Aufführung durch das Sinfonieorchester Biel und den britischen Dirigenten Howard Griffiths hoch erfreulich. Es wurde einer-seits klar, andererseits äusserst differen-ziert musiziert. Vor allem das Pianissimo der Streicher war unwiderstehlich, und die Blä-ser - namentlich die Solisten der Holz-bläsergruppe – stachen mit hervorragen-den Einsätzen hervor.

 

Sinfonischer Konzerttypus

 

Zur Eröffnung erklang die Ouvertüre zur Oper „Titus“ („La clemenza di Tito“), der allerletzten Oper von Wolfgang Amadeus Mozart. Ein gedrungenes, formal vollende-tes Stück, das öfters im Konzertsaal er-klingt als die Oper auf der Bühne gespielt wird. Howard Griffiths, langjähriger Leiter des Zürcher Kammerorchesters, der immer wieder durch originelle und kluge Pro-

 

grammgestaltung auffiel, gestaltete das Werk kontrastreich und mit ausgekosteten Generalpausen zu Beginn.

Marc Pantillon war der Solist im dritten Klavierkonzert in c-moll opus 37 von Lud-wig van Beethoven. Im Orchester ertönte die Einleitung recht flüssig und man konn-te gespannt sein, wie sich der Solist da ein-passen würde. Der Pianist fand aber zu sei-nem eigenen, nur wenig langsameren Tem-po, aber mit einer wesentlich freieren, wenn auch nicht übertriebenen Agogik. So wirk-te das Werk am Übergang vom Klavier-konzert Mozart’scher Prägung zum roman-tisch
sinfonischen Konzerttypus zwar durchaus klassisch, fand aber doch in we-sentlichen Punkten zu vertiefter Aussage. Der langsame Satz ist ein Prüfstein im er-öffnenden Klaviersolo, das weder zu lang-sam und „schwergewichtig“ aber doch ver-innerlicht und mit einem wundervollen An-schlag auch im leisesten und geheimnis-vollsten Piano erklang. Im Übrigen konnte man sich am gelungenen Wechsel- und Zusammenspiel zwischen Solist und Or-chester und da auch wieder vor allem mit den Holzbläsern uneingeschränkt erfreuen.

Ein Konzert, das für den Solisten, den kurz-fristig eingesprungenen Dirigenten und das Orchester anhaltenden und überaus verdienten Applaus auslöste.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Musik aus der Gefangenschaft

 

Eine bewegende Aufführung des „Quatuor pour la fin du temps“ von Olivier Messiaën fand am Sonntag im Saal der Loge statt. Musik und Lesung ergänzten sich auf beklemmende Weise.

 

Daniel Andres

 

 

Letztes Jahr war der hundertste Geburtstag von Olivier Messiaën, der zwar mehrere Generationen von europäischen Kompo-nisten entscheidend geprägt aber keine ei-gentliche Schule gebildet hat. Was auch wieder ein Hinweis auf die enorme Viel-seitigkeit des Schaffens von Messiaën ist, denn jeder Schüler oder Jünger konnte sich vom grossen Meister das nehmen, was ihm zusagte. Messiaën arbeitete mit Zahlen-mystik, indischer Musik, europäischer Gre-gorianik, Vogelstimmen, die er auf der gan-zen Welt akribisch sammelte und war ein frommer (aber nicht bigotter) Katholik mit Hang zur Mystik. Er war auch umstritten, selbst Bewunderer und Schüler wie Pierre Boulez können mit dem hymnischen Kitsch und der gelegentlichen Süsslichkeit in der Musik Messiaëns nichts anfangen, erlaben sich dagegen an den Konstruktionsprin-zipien, welche unter anderem die serielle Musik der Fünfzigerjahre anregten.

 

Beklemmende Übereinstimmung 

 

Das „Quatuor pour la fin du temps“ ent-stand in neunmonatiger Kriegsgefangen-schaft im ostdeutschen Görlitz für die In-strumente, die einer Gruppe von Gefange-nen zur Verfügung standen, Klarinette, Violine, Cello und Klavier und wurde im Lager im Januar 1941 vor 5000 Gefangenen uraufgeführt.

Die Titel der acht Sätze weisen auf rö-misch-katholische Mystik und Texte der Apokalypse hin. Bei der Aufführung vom vergangenen Sonntag las Alain Carré einen Text des italienischen Juden Primo Levi, der nach Birkenau deportiert worden war, dort überlebte, aber in eindringlichen Worten die Deportation und das grau-envolle Leben und Sterben im Konzen-trationslager beschreibt.

Obwohl Text und Musik - ausser dem Erlebnis der Gefangenschaft – nichts gemeinsam haben und aus verschiedenen Winkeln der Kultur stammen, ergänzten sie sich auf geradezu beklemmende Weise.

 

Anspruchsvolle Partitur

 

Nach den Wortschilderungen setzten die musikalischen Sätze mit Titeln wie „Liturgie du cristal“, „Abîme des oiseaux“, „Danse de la fureur, pour les sept trompettes“ ein, als ob sie mit Bezug auf die Beschrei-bungen von Entwürdigung, seelischer Zer-setzung, gänzlicher Ergebung und Hoff-nungslosigkeit komponiert worden wären. Noch fast anrührender als die gestischen und heftigen Sätze wirkten dabei die ab-solute Ruhe ausstrahlenden Teile des Cel-los in „Louange à l’Éternité de Jésus“ oder das finale Violinstück „Louange à l’immor-talité de Jésus“.

Die musikalischen Interpreten Michel       

Westphal, Klarinette, Raphael Oleg, Violi-ne, François Guye, Violoncello, und Gérard Wyss, Klavier, sind erfahrene und gereifte Musikerpersönlichkeiten. Sie näherten sich der anspruchsvollen und in manchen Tei-len auch heiklen Partitur mit Respekt und stellten damit nicht die effektvolle Seite der Musik in der Vordergrund.

 

Gebrochener Klang

 

Heikel sind die Unisono-Passagen, vor allem in „Danse de la fureur“, die dazu mit rhythmischen Komplikationen gespickt sind. Eindrucks-voll waren aber vor allem auch die scheinbar einfachen Teile mit unendlich scheinenden Melodien und einer schlich-ten harmonischen Begleitung des Klaviers. Da wurde unter anderem vom Cellisten und vom Violinisten nicht auf Schönklang gespielt, sondern im Piano ein fast gebrochener, beinahe erstickter Klang erzielt, der umso mehr unter die Haut ging. Auch der Pianist erzielte Wirkung mit kräftigen Akkorden, jedoch wagte er im Gegensatz auch Pianissimi bis fast zur Unhörbarkeit. Insgesamt war es eine Aufführung von grosser Ernsthaftigkeit mit allen Facetten dieses eindrücklichen Werkes. Das zahlreiche Publikum im Logensaal wusste die Leistung von Rezitator und der Musiker entsprechend zu würdigen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ein beeindruckender Klavierzyklus

 

Zehn Klavierstücke des In Twann lebenden Komponisten Alfred Schweizer gelangten am Montag im Farelsaal im

Rahmen des Festivals „l’art pour l’Aar“ zur Aufführung.

 

Daniel Andres

 

 

Der Komponist nennt die Stücke „Klaviermusik“ von Nummer eins bis Num-mer zehn. Alle haben dazu noch einen sachlichen oder poetischen Titel und drei Stücke sind für zwei Klaviere geschrieben. Die Pianistinnen Dagmar Clottu und Michiko Tsuda, beide mit der Musik von Alfred Schweizer vertraut, spielten die Werke abwechselnd, die Stücke für zwei Klaviere erklangen jeweils als Abschluss einer Dreier- oder Vierergruppe. So ergab sich ein sinnvolles und auch abwechs-lungsreiches Programm, das die Zuhörer im Bieler Farelsaal keinesfalls ermüdete.

 

„Neue Tonalität“

 

Alfred Schweizer hat die „Klaviermusiken“ über etliche Jahre hinweg komponiert, die ersten mögen um die zwei Jahrzehnte oder mehr  zurückliegen. Insofern hat sich auch ihr Stil leicht verändert, wenn auch die Grundkonzepte ähnlich geblieben sind. Der Komponist arbeitet seit spätestens den achtziger Jahren an einem Stil der „neuen Tonalität“ und hat sich damit in der schweizerischen Musikszene einen ganz ei-genen Platz geschaffen. Bis in die sech-ziger Jahre war die sogenannte Avantgarde fast ganz und ausschliesslich dem Do-dekaphonismus und der Serialität ver-pflichtet, was hiess, dass Komponisten, die nicht streng zwölftönig und in ganz be-stimmten strengen Techniken komponier-ten, sehr rasch als hinterwäldlerisch und komplett neben den Schuhen stehend ab-qualifiziert wurden. Aber schon ab den

 

sechziger Jahren befreiten sich viele „Schu-len“ aus dem verordneten stilistischen To-talitarismus und experimentierten teilweise in völlig entgegen gesetzten Richtungen. Und auch der Altmeister und damalige Richtungsweiser Pierre Boulez erkannte die Sackgasse, in der sich die Musik verrannt hatte, bei vielen seiner Jünger liess die Er-kenntnis noch längere Zeit auf sich warten. Wer also einen reinen Dreiklang oder einen Ansatz von Melodie wagte, war ein Ab-trünniger und ein Häretiker, jedenfalls ein Sünder gegen die reine Lehre.

 

Kaum Extrembereiche

 

Alfred Schweizer liess sich nicht beirren und folgte seinem Weg, und das Resultat in den zehn „Klaviermusiken“ ist ein bei-nahe abendfüllender Zyklus, der bestimmt ein gewisses Gewicht hat und zudem den aufmerksamen und interessierten Zuhörer ansprechen kann. Es gibt viele Gemein-samkeiten in den verschiedenen Titeln, et-wa, dass die Musik sich im mittleren Be-reich des Klangbereichs bewegt mit we-nigen Ausflügen in tiefe oder hohe Extrem-bereiche. Dazu gibt es kaum typisch „kla-vieristische“ Figuren und Formen und kaum virtuose Einlagen. Es ist vielmehr ein Spiel mit Tönen und Klängen, vielfach po-lyphon, seltener harmonisch orientiert. Es gibt wenig Tonrepetitionen und ebenso wenig grosse Sprünge  und trotzdem ent-wickelt sich im Laufe des Zyklus eine Viel-falt von Klangerscheinungen. Eine formelle Eigenart, die Schweizer der amerikanischen

 

Minimal-Music entnommen hat, ist zudem: wenn die Kombinationsmöglichkeiten des zugrunde liegenden Tonmaterials ausge-schöpft sind – Schweizer arbeitet auch mit dem Computer und mit Algorithmen – ist das Stück zu Ende und hört ohne ir-gendwelche Schlussformel einfach auf.

 

Poesie und Klangrealismus

 

Das Stück für zwei Klaviere „Greina“, der Hochebene in den Bündner Alpen ge-widmet,  hat Schweizer auch orchestriert, es wurde vor zwei Jahren in der Pasquart-kirche aufgeführt. Die „Algorithmischen Variationen über B-A-C-H“ sind insofern sprunghafter als die anderen Stücke als die vier Töne des Anagramms auf mehrere Ok-taven auseinandergezogen werden. „Les Adieux“ spielt oft mit dem unmittelbaren Nebeneinander oder gar Miteinander von Dur und Moll. Die „Glocken von Ligerz“ beginnen ziemlich realistisch mit den Schlä-gen einzelner Glocken, die in irrationalen Zeitproportionen übereinander liegen und weitet sich dann zu einem üppigen „Klang-rausch“ aus, der sich am Schluss wieder auf einzelne Töne reduziert, ein Spiel zwi-schen Realismus und Poetik.

Die Pianistinnen widmeten sich den meist schwierigen und hohe Anforderungen an die Konzentration stellenden Stücken mit grosser Hingabe und ihrem Können. Das tatsächlich interessierte und aufmerksame Publikum quittierte die pianistische wie die kompositorische Leistung mit entsprechen-dem Applaus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Novität und Rarität im Sinfoniekonzert

 

Das 6. Sinfoniekonzert SOB stand im Zeichen des Horns und einer Uraufführung. Der Hornist Olivier Darbellay

spielte eine Komposition seines Vaters Jean-Luc Darbellay.

 

Daniel Andres

 

 

Um die Novität des Berner Komponisten herum erklang ein klassisch-romantisches Programm mit einer Rarität, der „Faust“-Ouvertüre von Louis Spohr. Spohr ist auch einer jener Komponisten, die zu Lebzeiten Ruhm genossen und später weitgehend vergessen gingen. Wer kennt noch die zehn Opern dieses Komponisten, oder die ehemals sehr berühmten Violinkonzerte, oder die Sinfonien! Die Ouvertüre zeigte einen Komponisten, den man auch heute noch ernst nehmen könnte, mit einer durchaus gültigen musikalischen Aus-sage, reizvollen Ansätzen wie das Fugato zu Beginn der Durchführung und früh-romantischer Leidenschaft.

 

Möglichkeiten ausloten

 

Mozarts Hornkonzerte loten die Möglich-keiten des damaligen ventillosen Instru-ments aus. Olivier Darbellay spielte das zweite von vier Konzerten des Wiener Klassikers auf dem modernen Ventilhorn tadellos, mit schönen Melodiebögen und den fast traditionellen Jagdfanfaren im Schlussrondo. Dazu bot er eine Zugabe auf dem ventillosen Naturhorn.

Zum Schluss erklang die zweite Sinfonie in C-Dur opus 61 von Robert Schumann. Ein bedeutendes Werk der romantischen Sin-fonik, auch wenn sie gelegentlich zwischen den andern Sinfonien Schumanns etwas

 

hintan steht. Die Erregung im ersten Satz schlug unter Thomas Rösner etwas in Auf-geregtheit um, das Scherzo war an der obe-ren Grenze des Tempos und ein paar Un-genauigkeiten schlichen sich ein. Der lang-same Satz hatte endlich die nötige Ruhe, während im Finale zunächst auch die Auf-geregtheit dominierte, bevor sich eine ge-wisse Gelöstheit einstellte.

 

Räumliche Perspektive

 

Jean-Luc Darbellays neue Komposition für Horn und Orchester trägt den Titel „MANA“, was aus der polynesischen My-thologie stammt. Das Werk hat teilweise ähnliche Züge wie das vor zwei Jahren in Biel uraufgeführte Flötenkonzert. Das Solo-instrument hat wenig wirklich virtuose Passagen, aber viele lange Töne, die sich im Orchester fortsetzen und damit eine ge-wisse räumliche Tiefenperspektive schaf-fen. Die Streicher grundieren meist mit schwirrenden Klangflächen, und die kon-stituierenden Motive, wovon sich ein vier-töniges Motiv am Ende hörbar durchsetzt, sind bei den Bläsern aufgehoben.

 

Kontraste und Klangflächen

 

Jean-Luc Darbellay meint dazu: „Die Melodik und Motivik beruht weitgehend auf Ganztonreihen, wechselt man von der

einen Reihe zur Andern, ergeben sich klei-ne Sekunden oder Septimen als Span-nungselement.“ Und damit konfrontiert, dass das Stück die extremen Möglichkeiten weit weniger erprobt als das bei andern Komponisten der Fall ist: „Das Stück ist so konzipiert, dass es mit einem andern Horn-konzert im gleichen Konzert, etwa Mozart oder Richard Strauss, kombiniert werden kann. Deshalb nicht zu lang und in den Anforderungen nicht extrem“. Der Hornist braucht zwischen den Einsätzen auch immer wieder kurze Erholungsphasen, des-halb auch sind wesentliche Elemente des an sich dreisätzigen aber ohne Pause ge-spielten Werks ins Orchester verlegt. Hat der Solist bei der Komposition mitge-sprochen? „Eher nicht“, sagt er, „der Vater hat schon etliche Werke für Horn ge-schrieben und kennt das Instrument daher sehr gut“. Jean-Luc Darbellay war ur-sprünglich Klarinettist und hat als solcher auch mal in Biel das Sommervolontariat absolviert, er weiss daher auch, was man Bläsern zumuten kann und was nicht.

Das Konzert, das mit seinen Ausbrüchen und Kontrasten, mit den etwas eso-terischen Klangflächen durchaus auch ei-nen angenehmen Höreindruck vermittelt, wurde mitsamt Solist und Komponist mit andauerndem Beifall bedacht, worin sich ein einsamer Buh-Rufer mischte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Vokale und instrumentale Matinee

 

Im Rathaussaal bestritten das Aria-Quartett und Ursula Füri-Bernhard am Sonntag ein Burgkonzert

mit Werken von Haydn, Schumann und Jost Meier.

 

Daniel Andres

 

Das Konzert am Sonntagvormittag war Jost Meier gewidmet, der demnächst siebzig Jahre alt wird. Vor ziemlich genau vierzig Jahren hat Jost Meier auch das erste Kon-zert dirigiert, das kurze Zeit darauf zur Gründung der Orchestergesellschaft führ-te. Vom Komponisten, Gründer und ehema-ligen Leiter des Bieler Sinfonieorchesters war aber bloss eine Zugabe zu hören. Ein Gedicht von Federico Garcia Lorca, wel-ches die Sopranistin Ursula Füri-Bernhard mit Begleitung des Aria-Quartetts be-schwörend und mit der Vielfalt ihrer stimm-lichen Darstellungsmittel wiedergab. Vor-her sang die Sopranistin eine Kantate von Joseph Haydn, „Ariadne auf Naxos“, sowie fünf Lieder aus dem „Liederkreis“ opus 39 von Robert Schumann, die von Thomas Füri für Streichquartettbegleitung arran-giert wurden.

 

Anspruchsvollste Klassik

 

Von Joseph Haydn feiert man dieses Jahr den 200. Todestag und deshalb sind die Konzertprogramme mit seinem Namen an-gereichert. Das schadet aber nichts, denn Haydn war zu Lebzeiten der Grösste in Eu-ropa, wurde aber nach Beethoven lange

unterschätzt – Beethoven soll das leicht abschätzige Wort „Papa Haydn“ geprägt haben – doch ist seine Bedeutung für die Wiener Klassik, für Beethoven und Man-ches was darauf folgt  ungebrochen.

Zunächst hörte man dies im Streichquartett D-Dur opus 76,5. Haydn entwickelte das Streichquartett zur anspruchsvollsten klas-sischen Ausdrucksform und wie in seinen Sinfonien probierte er bis ins hohe Alter immer Neues aus. So beginnt er dieses Quartett mit einem Variationensatz, bleibt im Largo und im Menuetto weitgehend ly-risch mit wenigen dramatischen Einwürfen. Im letzten Satz überrascht er, indem er mit einer typischen Schlussformel beginnt, be-vor ein belebtes Presto abschnurrt. Das Aria-Quartett (Thomas Füri und Adelina Oprean, die sich  als Violinisten in der Füh-rung abwechseln, Ettore Causa, Viola, Con-radin Brotbeck, Violoncello) hat eine leich-te Tongebung. Es gibt Quartettforma-tionen, die es auf einen eher saftigen, ker-nigen und erdigen Ton abgesehen haben, hier ist luftige Klarheit angesagt. Man kann und soll dies nicht werten, die luftige Klangvorstellung ist eher anspruchsvoller, hört man doch, zumal in diesem Saal, das letzte Detail und damit auch die kleinste Unvollkommenheit.

 

Intensive Interpretationen

 

Auch das dritte Streichquartett in A-Dur

von Robert Schumann erklang eher in Leichtigkeit, was manche Stelle lieblich und duftig machte, obwohl der Berichterstatter rein persönlich manchmal auch einen kräftigeren Zugriff liebt.

Zusammen mit der Sopranistin wurde die Kantate von Haydn dargeboten, ein nicht sehr bekanntes Werk, das aber beweist, dass Haydn auch für die ernste Oper das musikalische Vokabular beherrscht hat, aber auf den Bühnen „schmachvoll“ (so Nikolaus Harnoncourt) vernachlässigt wird. Ursula Füri-Bernhard setzte ihren schönen Sopran geschickt ein und scheute auch nicht vor dramatischen Zuspitzungen und raueren Stimmfärbungen zurück. Auch die Lieder von Robert Schumann erlebten eine intensive Interpretation die von Zärtlichkeit und Verklärung bis zu fahlen Tönen im Lied „Zwielicht“ reichte. Die Sopranistin zeigte eindrücklich einen farben- und nüancenreichen Zugang zu den Liedern auf Texte von Joseph von Eichendorff. Ein recht zahlreiches Publikum hatte sich eingefunden um den in Biel bereits bekannten und vertrauten Interpreten zu applaudieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Leicht modernisierter Barock

 

Eine Barockoper mit elektrischer Gitarre und Elektro-Piano. „Amadis“ von Jean-Baptiste Lully

hatte am Freitag im Stadttheater erfolgreiche Premiere.

 

Daniel Andres

 

Jean-Baptiste Lully war der Komponist des Sonnenkönigs Ludwig IVX. Am Hof von Versailles herrschte Prachtentfaltung und ein Zeichen der Pracht waren die Opern-aufführungen in Paris und später in Ver-sailles. Der in Florenz geborene „hübsche Knabe“ Lully kam als Vierzehnjähriger nach Paris, um als Konversationspartner der Grande Mademoiselle Anne Marie Louise d’Orléans im Palais des Tuileries zu dienen. Er begleitete die Dame auf der Gi-tarre, heizte die Kamine, sortierte die Garde-robe und nahm Unterricht in Cembalospiel, Komposition und Ballett. Und er wurde schliesslich bevorzugter Komponist des sechs Jahre jüngeren Königs, mit dem ihn seit der Kindheit eine Freundschaft ver-band, entwickelte einen typisch franzö-sischen Musikstil vor allem für das Ballett, bei dem sowohl Lully wie der König mittanzten.

 

Fantastische Musik

 

Mit vierzig war Lully dank Intrigen und Machtspielen und der Gunst des Königs Herrscher über die gesamte Pariser Oper. Und 1683 schrieb er „Amadis“, eine Oper die uneingeschränkten Erfolg hatte und, solange der König lebte, jedes Jahr aufge-führt wurde.

Die Aufführung in Biel unterschied sich musikalisch und szenisch in etlichen Punk-ten von den Aufführungen in Versailles. Dort wartete man damals mit Prunk in den Kostümen und mit ausgefeilter barocker Bühnentechnik für allerlei Effekte auf. Möglich, dass der König bei den Divertissements, den Balletteinlagen, noch persönlich auftrat. Das kann Biel nicht

bieten. Aber eine musikalische Bearbeitung des Komponisten Camille Kerger schafft teilweise neue Klänge auf der Basis von Lullys Musik, die Bezüge zur heutigen Zeit schaffen.

„Amadis“ ist eine Art Zauberoper, in der Liebende entfremdet und wieder zusam-mengeführt werden und sogar die „Hexe“ zeitweise vom Hassmonster zur Liebe füh-lenden Frau wird. Der Zauber ist auch

Psychologie, wie Regisseur Beat Wyrsch im Programmheft schreibt, und hier setzt sowohl die Inszenierung wie auch die teil-weise fantastische Musik an.

 

Prolog im Café

 

Die barocke Oper kannte durchaus die Geister- und Dämonenszenen und ent-sprechende Musik. Und die Klangfarben von Elektro-Piano aber auch Vibraphon und anderen modernen Instrumenten konnten diese Wirkungen verstärken. Auch der traditionelle Generalbass zu Arien oder Rezitativen, aber von Elektro-bass und Piano ausgeführt, blieb zwar bei Lully, zeigte aber Parallelen zu modernem Jazz oder Pop. Dazu gehört auch noch grad die Heldenverehrung oder heute der Star-kult, woran Beat Wyrsch mit seinem Kon-zept ebenfalls anknüpfte. Bereits im Prolog, der im Café du Théâtre angesetzt war, gab es einen entsprechend originellen Einstieg in die Aufführung.

Die Aufführung selbst gefiel sehr, dem Bieler Musiktheater gelang einmal mehr etwas Aussergewöhnliches, das zwar sei-nen Mitteln entspricht, aber doch starke Akzente setzt und zugleich das Publikum unterhält wie auch anregt. Harald Siegel di-

rigierte souverän im historischen Barockstil wie er auch die modernen Einlagen genau o stilgerecht meisterte. Das Orchester zeigte einmal mehr seine stilistisch sehr breit gefächerte Flexibilität wobei sich ein-zelne Musiker noch besonders hervor ta-ten.

 

Wirkungsvolle Darsteller

 

Der Chor in wichtiger Funktion tat sich sängerisch und spielerisch  wiederum her-vor und trug wesentlich zu optischen und klanglichen Wirkungen, auch Raumwir-kungen bei. Und von den Solisten ist auch nur Gutes zu berichten. Hervorragend im wörtlichen Sinn Paolo Vignoli und Rosa Elvira Sierra als unglückliches Liebespaar Amadis und Oriane. Nicht minder Ulrich S. Eggimann und Corinne Angela Sutter als hasserfüllte Gegenspieler. Letztere zu Be-ginn etwas schrill und lautstark aber dann auch zu wunderschönem Piano fähig, beide dazu darstellerisch sehr wirkungsvoll. Ro-ger Bucher und Julie Koch als weiteres Lie-bespaar ansprechend, ersterer darstelle-risch noch etwas hölzern, aber beide gegen Schluss doch wieder anrührend. Gute No-ten auch für die kleineren Rollen, welche von Sandra Rohrbach, Catriona Bühler und Valentin Vassilev verkörpert wurden. Ho-hes Lob schliesslich für Numa Gaudy, der wortlos den Komponisten Lully mimte und als Spielleiter figurierte.

Nicht zuletzt zu loben ist das hübsche, modulationsfähige und mit Tiefenper-spektive geschickt arbeitende Bühnenbild von Martin Warth. Das Premierenpublikum amüsierte sich und war angetan von den Leistungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Herausforderung für Interpretin und Zuhörer

 

Sechs Sonaten für Solo-Violine von Eugène Ysaÿe hinter einander zu hören ist eine Rarität und sie zu spielen war

eine Parforce-Leistung der Violinistin Rachel Kolly d’Alba.

 

Daniel Andres

 

Und die junge, temperamentvolle und at-traktive Geigerin bewältigte die Herausfor-derung am Sonntag im Saal der Loge mit Bravour. Insbesondere auch, weil sie jede Sonate auch noch auf kurzweilige und in-teressante Art kommentierte. Sie musste selber zugeben, dass Sprechen und Spielen die Konzentration und das Gedächtnis zu-sätzlich strapazieren. Denn selbstver-ständlich spielte sie die äusserst an-spruchsvollen Sonaten auswendig.

 

Geigerkollegen gewidmet

 

Sie tat dies nicht zum ersten Mal, die Sona-ten von Ysaÿe gehören zurzeit sozusagen zu ihrem Solistengepäck und sie hat den Zyklus auch aufgenommen, die CD soll in einigen Wochen erscheinen.

Es gibt relativ wenige Violinisten, die sich im Konzert an die Gesamtheit der sechs So-lo-Sonaten Opus 27 von Ysaïe heran wa-gen. Vor einigen Jahren war es der Fran-zose Laurent Korcia, welcher den Zyklus in Verbier atemberaubend präsentierte. Der österreichische Geiger Thomas Zehetmair hat den Zyklus auf CD festgehalten, aber auch Frank Peter Zimmermann und einige andere weniger bekannte Geiger. Ab und zu hört man die einsätzige dritte Sonate als Zugabe im Konzertsaal.

Jede der Sonaten hat Ysaïe einem seiner berühmten, aber viel jüngeren, zeitgenös-sischen Geigerkollegen gewidmet. Die ers-

viersätzige, mit starken Anklängen an die Solo-Partita in E-Dur von Bach dem Un-garn Joseph Szigeti, die zweite, etwas ver-spielte dem Franzosen Jacques Thibaud, die kurze dritte mit dem Titel „Ballade“ dem Rumänen Georges Enesco, die vierte mit Anlehnung an barocke Stücke dem Öster-

reicher Fritz Kreisler, die fünfte seinem Schüler und Quartettkollegen Mathieu Crickboom und die ebenfalls einsätzige aber halsbrecherisch schwierige dem Spa-nier Manuel Quiroga. Und in jeder Sonate hat er nicht nur den Widmungsträger por-trätiert, sondern auch seine spezielle Vio-lintechnik und seine interpretatorischen Vorlieben eingebaut.

 

Mit Schwierigkeiten gespickt

 

So ist die sechste Sonate gespickt mit fast unmöglich zu spielenden Terzen-, Sexten, Oktav- und Dezimengängen, mit Akkorden, die auf vier „armseligen“ Saiten der Violine nur mit Tricks zu realisieren sind. Andere Stücke verlangen dem Violinisten oder in diesem Fall der Violinistin eine Vielzahl von klanglichen Nüancen ab, von süss bis

herb, von sanftem bis kräftigem Bogen-strich. Über die sechs Sonaten hinweg er-gibt sich ein Kompendium der Geigen-technik auf höchster Stufe wie sie zu An-fang des zwanzigsten Jahrhunderts be-herrscht wurde. Hinzugekommen ist seit-dem ausser einigen Klangeffekten nicht viel. In der Zugabe in einem Stück von Jürg Wyttenbach gerade mal das Spiel hinter dem Steg, was ein Komponist nicht allzu oft in seinem Leben anwenden kann.

 

Intensive Auseinandersetzung

 

Bleibt festzustellen, wie intensiv sich Ra-chel Kolly d’Alba mit diesen Schlüssel-werken der neueren Violinliteratur ausein-andergesetzt hat. Wie differenziert sie eine reiche Klangpalette aus ihrem schönen In-strument heraus holte. Wie überlegen sie mit den kniffligsten technischen Spieler-eien und Herausforderungen, Doppelgrif-fen, polyphonem mehrstimmigem Spiel, irrwitzigen Läufen und Arpeggien umging. Und schliesslich, wie sie den musikalischen Gehalt dieser Werke zu vermitteln wusste, denn Eugène Ysaÿe war nicht bloss ein Geigenvirtuose, sondern ein hervorragender Komponist auf der Höhe seiner Zeit, den es noch vermehrt wieder zu entdecken gilt.

So kündigte Rachel Kolly d’Alba denn auch an, dass sie in der kommenden Saison zusammen mit ihrem einstigen Lehrer, dem Geiger und heutigen Dirigenten Jean-Jacques Kantorow, gemeinsam mit dem Bieler Sinfonieorchester unbekannte und fast verschollene Werke von Ysaÿe aus der Versenkung holen wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Mehr Gegensätzliches als Verbindendes

 

Haydn und Tschaikowsky, Klassik und Spätromantik im dritten Kammermusikkonzert mit Musikern des

Sinfonieorchesters am Sonntagvormittag im Saal der Loge.

 

Daniel Andres

 

Die Kammermusikkonzerte des Sinfonieor-chesters sind in den Logensaal zurück ge-kehrt. Über die Gründe mögen wir nicht grübeln. Ebenfalls nicht den Kopf zerbre-chen sollte man sich über die Mottos, wel-che über den Konzertprogrammen stehen. Denn weder der späte Haydn, dessen Streichquartett in B-Dur, Opus 76 Nr. 4 im Jahre 1799 entstand, noch das Streichsex-tett „Souvenir de Florence“ von Peter Tschaikowsky haben etwas mit dem Roko-ko-Stil zu tun.

Haydns späte Quartette sind etwas vom Vollkommensten im klassischen Stil, Haydn ist in diesen Werken auf der vollen Höhe seiner Zeit und auf der vollen Höhe seiner kompositorischen Meisterschaft. Alles ist da, nicht nur satztechnisches Können, Erfindungskraft, Vielfalt des „Gesprächs“ unter den Instrumenten, wobei Bratsche und Cello eine gewichtige Stimme haben, aber auch Ausdruckstiefe im Adagio. Das Gleichgewicht zwischen volkstümlicher Melodik und kunstvoller Verarbeitung wird insbesondere auch im Menuett erreicht, wo ländlerhafte Elemente alsogleich in kleine

kontrapunktische Imitationen verstrickt werden ohne dass der Satz unter Bedeu-tungsschwere zusammenbricht.

 

Aufeinander zugehend

 

Die drei Musikerinnen Anna Fatout und Dominique Hongler, Violinen, und Brigitte

Fatton, Violoncello, mit dem Bratschisten Frédéric Carrière zeigten eine ausgewogene Leistung, dynamisch und klanglich durch-aus differenziert und im Zusammenspiel aufeinander zugehend und aufeinander hö-rend. Das Klangbild sehr durchsichtig und unforciert, wobei etwa im ersten Satz die Kontraste zwischen Piano zu Beginn und anschliessendem Forte noch etwas kraft-voller hätten gesetzt sein können.

Das Streichsextett Opus 70 von Peter Tschaikowsky trägt zwar den Titel „Sou-venir de Florence“ und es entstand wäh-rend und im Anschluss an eine Italienreise im Jahre 1890, aber es ist auch – vor allem in den beiden letzten Sätzen – Ausdruck des Heimwehs nach Russland.

Im  Konzert vom Sonntag gesellten sich zum vorher aufgelisteten Quartett der Bratschist  Rolf-Dieter Gangl und der Vio-loncellist Matthias Walpen.

Es ist vielleicht eines der besten Werke Tschaikowskys und ein Beweis, dass Tschaikowsky nicht bloss ein Melodiker ist, wie noch oft behauptet, sondern auch ein gewiefter Kontrapunktiker und ein er-fahrener Satztechniker gerade in einem Kammermusikwerk für sechs obligate und gleichberechtigte Stimmen.

 

Gebremste Leidenschaft

 

Gespielt von sechs Einzelmusikern – und seien es weltberühmte Solisten – ist es oft

schwer, eine Einheit des Ensembles zu-stande zu bringen. Die bewährteste Formel auf Referenzaufnahmen wie diejenige mit dem Borodin-Quartett ist eine feste Quar-tettformation als Grundlage und einen zweiten Bratschisten und zweiten Cellisten, die sich gut einfügen dazu.

Um es gleich zu sagen: es war eine schöne Aufführung, der man gerne zuhörte. Das wunderschöne und erfindungsreiche Werk kam gut zur Geltung und man konnte das Wechselspiel zwischen einzelnen Instrumenten, etwa erste Violine und zweites Cello oder drei hohe Streicher gegen drei tiefe Streicher mit Interesse und Vergnügen verfolgen. Einzelne Kantilenen gelangen auch schön, die Melodie der ersten Violine zu den Pizzicati der übrigen Streicher im serenadenhaften zweiten Satz oder – am ausdrucksvollsten – dem ersten Bratschisten Frédéric Carrière. Das schwierige Stück verlangt doch wohl öfteres Zusammenspiel um ganz ungezwungen zu wirken, aber vor allem hätte man sich und dies vor allem im ersten Satz aber auch im Finale noch etliches mehr an ungebremster und nicht zu dosierter Hingabe gewünscht. Bei aller Formgestaltung lodert das Stück stellenweise von Leidenschaft und die war an etwas kurzer Leine.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Klare Prägnanz, liebliche Eleganz

 

Klassisches und Neoklassisches, also die eigentliche Domäne des Sinfonieorchesters, gab es im fünften Sinfoniekonzert

der Saison unter dem Motto „Rokoko & Co.“ zu hören.

 

Daniel Andres

 

 

Das Orchester trat für dieses Programm in relativ kleiner Formation an. Der Wirkung tat dies keinen Abbruch, denn unter dem Gastdirigenten Jean-Jacques Kantorow brillierte das Ensemble durch Präzision und Klarheit, aber auch mit Feuer und Kraft. Natürlich ohne die Gesanglichkeit und die Empfindsamkeit zu vergessen. Insgesamt präsentierte sich das Orchester auf eine Art und Weise, die keine Vergleiche zu scheuen brauchte.

 

Transparentes Klangbild

 

Das begann mit den ersten kräftigen Akkorden und der darauf folgenden Kanti-lene in der Ouvertüre zu „Die Geschöpfe des Prometheus“ von Ludwig van Beet-hoven. Kantorow und dem Orchester ge-lang eine moderne Beethoven-Interpre-tation voller Kontraste, in flottem Tempo, aber absolut klar, mit den nötigen kraft-vollen Akzenten und einem transparenten Klangbild auf teilweise historischen Instru-menten.

Einigen Hörern sind die trockenen Pau-keneinsätze zu hart, aber auch wenn sie an ein oder zwei Stellen vielleicht etwas gar knallig waren, verhelfen sie dem Orches-terklang des jungen Beethoven und auch der Haydn-Sinfonie, die am Schluss er-klang zu Prägnanz ohne den Klang einzu-hüllen, wie das moderne Pauken oft tun. Sowohl bei Beethoven wie bei Haydns ers-ter „Pariser“-Sinfonie mit dem Übernamen „Der Bär“ erweckte die Spielweise des Or-chesters, die Lebendigkeit der Interpreta-tion durch den Dirigenten höchstes Hör-

vergnügen. Haydn stand mit seinen für Pa-ris geschriebenen Sinfonien an der Spitze der europäischen Musikentwicklung und noch einmal mit den in den neunziger Jah-ren geschriebenen „Londoner“-Sinfonien. Und die Interpretation durch unsere Musi-ker mit dem immer wieder gern gesehenen Gastdirigenten gab etwas von dem wieder, was das Pariser Konzertpublikum bei der Erstaufführung staunend und begeistert empfunden haben mag. Effektvolle Kont-raste, eingängliche Themen, geistvoller Witz und hervorragende Verarbeitung ohne ins „Gelehrte“ zu verfallen waren da-mals gefragt und tun auch heute ihre Wirkung.

 

Der Geist Mozarts

 

Ein bisschen anders zu und her ging es in den beiden mittleren Stücken. Peter Tschai-

kowsky beschwört zwar in den „Varia-tionen über ein Rokoko-Thema“ für Violon-cello und (relativ kleines Orchester den Geist Mozarts. Wobei der apollinische Geist des Götterjünglings Mozart angeru-fen wird und nicht etwa der Zappelphilipp wie er uns im Film „Amadeus“ begegnet. Und dazu schwebt noch eine Spur roman-tischer Süsslichkeit und eine salonhafte Eleganz über dem Ganzen. Das oft gehörte und wohlbekannte Werk haben wir viel-leicht schon perfekter und makelloser ge-hört. Aber die überlegene und durchaus lockere und spielerische Gestaltung durch den Cellisten Thomas Demenga zog den-noch in den Bann. Orchester und Dirigent waren zuverlässige und flexible Partner.

 

Anstelle der Sarabande von Bach als Zu-gabe hätte eine Bourrée oder eine Gavotte oder sonst was leichteres vielleicht auch besser gepasst.

 

Klanggespinste

 

Nicht so neoklassisch und dem Rokoko verpflichtet sind die ursprünglich für Kla-vier geschriebenen „Visions fugitives“ von Serge Prokofieff in der Bearbeitung für Streichorchester. Die Beschränkung auf Miniaturformen ist ein Zug des Neoklassi-zismus im frühen 20. Jahrhundert, die klangliche Auffächerung und extreme Dif-ferenzierung in der Streicherfassung ist aber schon wieder eine Frucht des Impres-sionismus. Die Strömungen mit der Vorsil-be Neo- sind ja nie ein Abbild des Ur-sprünglichen sondern immer durch spätere Errungenschaften gefärbt. Es sind zum Teil äusserst zerbrechliche Klanggespinste, welche an die Streicher in verschiedenster Hinsicht, technisch, inbezug auf Intona-tionsgenauigkeit und klangliche Färbun-gen hohe Ansprüche stellen. Die Auffüh-rung durch die Streicher des Sinfonieor-chesters erfüllte hohe Erwartungen vor al-lem auch hinsichtlich Klanglichkeit. Ge-wisse heikle Passagen sind womöglich in den hohen, mehrfach geteilten Streichern gar nicht ideal ausführbar. Aber auch in dieser Serie aus zwanzig Stücken von gelegentlich bloss einigen Sekunden Dauer wurde ein Höchstmass an Differenzierung erreicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Spielformen des Tasteninstruments

 

Der 29-jährige Pianist Michelangelo Carbonara aus Rom war am Sonntag Gast im „Podium junger Künstler“ der Phil-

harmonischen Gesellschaft im Logensaal und hinterliess einen tiefen Eindruck.

 

Daniel Andres

 

Ein Programm, das aus Werken von Do-menico Scarlatti und Johannes Brahms nicht gegensätzlicher hätte sein können. Immerhin, wenn man das Gemeinsam mit der Lupe sucht sind es Auseinanderset-zungen mit dem Tasteninstrument die rund hundertfünfzig Jahre auseinander liegen. Und eine Beschäftigung mit der Sonaten-form einerseits bevor es die klassische So-natenform  gab, andererseits nachdem die Romantiker versuchten, das Schema der klassischen Form aufzubrechen.

Scarlattis Sonaten - ursprünglich natürlich für das Cembalo geschrieben – sind meist zweiteilig wie die barocken Tanzsätze in den Suiten seiner Zeitgenossen Bach und Händel. Fast interessanter als die Form ist bei Scarlatti allerdings die Beschäftigung mit Spielformen des Tasteninstruments, mit der pianistischen Technik. Da hat Scarlatti vieles vorweg gezeigt, was man in den Sonaten von Haydn, nicht so sehr bei Mozart, aber wiederum durch Haydn ver-mittelt beim frühen Beethoven wiederfin-det. Eine ausserordentlich fruchtbare Origi-nalität auch, die ihre Wurzeln vielfach auch in der spanischen Gitarrenmusik und manchmal bis zum andalusischen Flamenco hat.

 

Eine leichte Hand

 

Michelangelo Carbonara war den zwölf

ausgewählten kontrastreichen Stücken ein

hervorragender Interpret, sei es in der Ge-staltung der ruhigeren Melodien oder im Spiel mit der Virtuosität in Laufwerk, Pas-sagen und Tonrepetitionen. Eine leichte Hand, ein differenzierter Anschlag, eine überlegte Artikulation liessen die zwölf Stücke zu geschliffenen Preziosen werden, denen man mit Genuss lauschte.

Von ganz anderem Zuschnitt ist die 3. Kla-viersonate in f-moll opus 5 des gerade zwanzigjährigen Johannes Brahms. Brahms hat sein Klavierwerk nicht wie andere Ro-mantiker mit kleinen Charakterstücken be-gonnen sondern gleich mit drei grossen Sonaten. Und er zeigt sich da recht unzim-perlich. So penibel seine Annäherung an die Sinfonie war, so scheinbar unbeküm-mert stellt er insbesondere in dieser dritten Sonate eine ganz eigene Auffassung der Klaviersonate nach Beethoven vor. Und manches scheint uns in dieser Sonate so-gar orchestral gedacht, eine verkappte Sinfonie, die mindestens auf den Versuch einer Orchestrierung wartet.

 

Grosser Formverlauf

 

Das Werk ist fünfsätzig, der erste Satz beginnt recht knorrig und füllig in den Ak-korden bevor ein kantables „Cello-Thema“ Platz ergreift. Der zweite und vierte Satz ha-ben viel vom Charakter der späten Inter-

mezzi, der vierte ist gar als „Intermezzo“ be-zeichnet. Das Scherzo hat die Kraft mit einem besinnlichen Trio, die auf das erste Klavierkonzert hinweisen und das Finale ist ein hymnischer Wurf, der in einer küh-nen Stretta gipfelt. Der Pianist war auch in diesem Brahms auf grossartige Weise in seinem Element. Auf dem mittelgrossen Flügel mit gewissen Schwächen (und ein-em lärmigen Pedal) dosierte er klug die Kraftentfaltung und erreichte doch ein klangvolles Forte. Die Piani zeigten mit ein-em delikaten Anschlag enorm viel klang-liche Sensibilität. Und was bei diesem Werk vielleicht am wichtigsten ist: die vie-len Gegensätze und disparaten Teile unter einen grossen Formverlauf zu bringen. Dies gelang Michelangelo Carbonara in be-wundernswerter Weise. Und ein paar Ü-bergänge blieben besonders im Ohr hän-gen wie etwa der wundervolle Beginn des „hymnischen Themas“ im letzten Satz, wenn es erstmals im Piano erscheint. Die Zugaben von Mendelssohn und Brahms zeigten den sympathischen Künstler noch einmal von der locker verspielten und der besinnlich vertieften Seite. Beim Publikum hinterliess der noch junge Pianist den Wunsch nach einer Wiederbegegnung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Leichte Muse, mit Sorgfalt gespielt

 

Strauss Vater, Sohn und Brüder dürfen nicht fehlen in einem Neujahrskonzert des Sinfonieorchesters Biel. Carl Maria von Weber und Franz von Suppé waren willkommene und bereichernde Ergänzungen im Programm, das Thomas Rösner dirigierte.

 

Daniel Andres

 

 

Man sagt nicht genug, dass das Leichte schwer sei, und so ist es jedes Jahr erfreu-ich, dass für das Publikum der Neujahrs-konzerte die leichte Musik der Strauss-Dy-nastie mit Respekt erarbeitet wird und so natürlich auch noch besser klingt.

Den Auftakt machte aber dieses Jahr die „Aufforderung zum Tanz“ von Carl Maria von Weber, ein einst sehr populäres Stück, das aber mittlerweise etwas in Vergessen-heit geraten ist. Weber komponierte es als „Rondo brillant“ für das Pianoforte. Es war Hector Berlioz, der es für die Pariser Oper als Balletteinlage im „Freischütz“ orchest-rierte. In dieser Fassung blieb es lange Zeit ein beliebtes Orchesterstück. Die neu verpflichtete stellvertretende Solocellistin des Orchesters, Brigitte Fatton, erhielt da-rin zu Beginn gleich Gelegenheit, sich als Solistin vorzustellen. Sie tat dies mit schö-nem Ton und schöner melodischer Gestal-tung. In der Ouvertüre zu „Dichter und Bauer“ erhielt sie gleich ein weiteres Solo zugeteilt und löste auch diese Aufgabe bravourös, so dass sie mit Recht am Schluss des Konzerts den Blumenstrauss des Dirigenten ernten durfte.

 

Verschupfte Werke

 

Die Ouvertüre von Franz von Suppé ist ein weiteres Beispiel eines hervorragend gearbeiteten unterhaltenden Orchester-

 

stücks, das zwischen Stuhl und Bank fiel. Weil die Operette nicht mehr gespielt wird und das Werk fürs Sinfoniekonzert eben zu leicht ist, kommt die Ouvertüre höchstens an Neujahrskonzerten oder sommerlichen Promenadekonzerten hin und wieder zu Ehren.

Und weil wir bei Raritäten sind: der Walzer „Sphärenklänge“ von Josef Strauss ist auch ein verschupftes Kind, weil der Bru-der von Johann Strauss halt eh etwas im Schatten stand, obwohl seine künstleri-sche Begabung keineswegs kleiner ist als die des Johann, ja sogar von manchen höher eingeschätzt wird. Er war aber ur-sprünglich Architekt und Ingenieur und wurde erst Musiker um seinen überlasteten Bruder Johann als Kapellmeister zu erset-zen. Ironischerweise starb er an Erschöp-fung zwanzig Jahre vor seinem älteren Bruder. Item, die „Sphärenklänge“ haben wie viele Strauss-Walzer eine geniale Ein-leitung und auch die Rückkehr zur Reprise ist nebst vielen anderen Details höchst gelungen.

 

Verstümmelte Einleitung

 

Leider spielt das Sinfonieorchester teil-weise aus altem Aufführungsmaterial, in welchem Teile der Einleitung fehlen, so auch beim Walzer „Wein, Weib und Gesang“ bei dem wir um den schönsten

Teil der Einleitung betrogen wurden. Viel-leicht reicht das Geld gelegentlich zur An-schaffung von neuerem Notenmaterial. 

Nichts desto trotz darf man den Aufführungen insgesamt grosses Lob zollen, es wurde akkurat, präzis und mit Hingabe musiziert. Thomas Rösner opferte viel Sorgfalt auf sensible Tempoübergän-ge, eine subtile Dynamik und auf die Ge-staltung der Übergänge in den Walzer-folgen.

 

Spritzige Polkas

 

Auch die Polkas und Schnellpolkas „Auf der Jagd“, „Vergnügungszug“ von Johann und „Bahn frei“ von Eduard, dem jüngsten der drei Strauss-Brüder erklangen spritzig und perlend. Die kleinen Gags dabei liess man sich nicht nehmen und so erschien Paukist und Schlagzeuger Heinz Jaggi mal als schiessender Jägersmann im grünen Hut, mal als pfeifender Bahnhofvorstand in der roten Mütze und durfte Sonderbeifall entgegen nehmen. Im „Ägyptischen Marsch“ produzierten sich die Herren des Orchesters auch recht gelungen in einer Männerchoreinlage.

Auch die obligaten Zugaben fehlten nicht, heuer war es zunächst der „Donauwalzer“ (da spürte man schon das Nachlassen der Konzentration) und zum Schluss natürlich der Radetzky-Marsch von Vater Strauss.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Copyright C 1999 by Daniel Andres, CH_Biel
Für Fragen und Anregungen wenden Sie sich bitte an: d.p.andres@bluewin.ch
Letzte Aktualisierung: 13. August 2010 .

 


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